Text / Fotografie: Anna-Maria Kiosse, Sunnyi Löhmann

Schwere Gewichte, verzerrte Gesichter, perfekt definierte Körper, harte Jungs und noch härtere Muckis. Das sind die Bilder, die man im Kopf hat, wenn man an die BodybuilderSzene denkt. So ging es mir auch, bis ich mit meiner Recherche auf eine Frau gestoßen bin, die nicht in das klischeehafte Bild des Bodybuilders passt: Ilona Rinas ist mit 62 Jahren amtierende Weltmeisterin im Bankdrücken (87,5 kg), amtierende Weltmeisterin im Powerlifting (355 kg), insgesamt zweifache Europameisterin sowie vierfache Weltmeisterin und dreifache Mutter. Ich wusste, diese Frau muss ich treffen, und schrieb ihr eine E-Mail. Die Mail kam direkt mit einem Mailer Daemon zurück. Eine andere Mail-Adresse von ihr war nirgendwo zu finden, und so bewährte sich mal wieder das alte Sprichwort – alle Wege führen nicht nach Rom, sondern zu Facebook. Am nächsten Tag hatte ich einen Facebook Freund mehr und Ilonas Antwort im Postfach. Sie schrieb, dass ich gerne kommen könne und schickte mir direkt ihre private Anschrift in Marne. Ich googelte mich durch das world wide web und fand heraus, wo ich hin musste, und schließlich auch eine Bahnverbindung. Marne liegt ungefähr hundert Kilometer nördlich von Hamburg an der Nordsee. Das bedeutete für mich eine lange Fahrt.
BIS Hamburg war alles gewöhnlich, die übliche Verspätung der Deutschen Bahn, überteuerter Kaffee aus dem Bordbistro und schreiende Kinder. Nach sechs Stunden war ich in Hamburg-Altona, wo ich die Nord-Ostsee-Bahn Richtung Westerland nehmen musste. Es fühlte sich ein bisschen wie Urlaub an. Am Bahnsteig standen Familien mit kleinen Kindern und bunten Koffern, größere Rentnerreisegruppen und ein paar Schulklassen, die offensichtlich auf dem Weg ins Schullandheim waren.
ICH musste nun mit dem Zug weitere zwei Stunden bis nach Itzehoe fahren, um dort umzusteigen und den Zug nach Marne zu nehmen. Die Fahrt mit dieser Bahn kann ich jedem empfehlen, eine wundervolle Strecke. Mein Fensterplatz war Gold wert, die Sonne schien, ich hörte Musik und genoss die Aussicht. Unendliche Weiten, grüne Wiesen, Schilf, Schafherden, kleine Häuschen mit Reetdächern - eine Idylle. Genau wegen dieser Idylle verpasste ich meinen Ausstieg in Itzehoe. Das war ziemlich unpraktisch, denn die Bahn hält gefühlt nur alle zwei Stunden. So fuhr ich also eine Dreiviertelstunde in die falsche Richtung und stieg dann in St. Michaelsdonn aus. Mitten im Nirgendwo musste ich jetzt nochmal eine Dreiviertelstunde warten, um wieder zurückzufahren. Denn was ich nicht wusste war, dass die Nord-Ostsee Bahn nur zweimal am Tag fährt und ich nun mit der Regionalbahn in den Nebenort von Marne kommen musste, um von dort dann mit dem Bus nach Marne zu kommen. Was bedeutete, ich würde mich um mindestes eine Stunde verspäten. Da ich die amtierende Weltmeisterin und stärkste Frau Deutschlands ungern verärgern wollte und keine Telefonnummer hatte, um ihr von meiner Verspätung zu berichten, brauchte ich a) eine Ausrede und b) ein Gastgeschenk. Der Kiosk am Bahnhof in St. Michaelsdonn hatte aber nur Merci oder Snickers im Angebot. Leider keine Proteinshakes oder etwas Ähnliches. Und da ich nicht wusste, wie es Bodybuilder mit Schokoriegeln so haben, entschloss ich mich gegen Schokolade und für Blumen. Aber die musste ich erstmal finden. Da die Menschen im Norden aber sehr freundlich und zuvorkommend sind, fand ich schnell einen nahe liegenden Blumenladen und entschied mich für einen orangefarbenen Blumenstrauß. Kurz darauf saß ich endlich in der Bahn zurück Richtung Marne.
IN Marne war es so wie man sich einen 5000-Seelen-Ort vorstellt, nur etwas schöner. An der Nordsee eben. Die Menschen grüßten, mein Busfahrer war erstaunlich freundlich und die Häuser hier sahen aus wie aus einem Bilderbuch für Kinder. Klein, bunt und zuckersüß, mit gepflegten Vorgärten und kleinen, weißen Zäunen. Ich lief durch den Ort, um an Ilona Rinas Haus zu kommen. Ein kleines, weißes Häuschen mit braunen Fensterläden und einem Rasen, der saftig grün und akkurat geschnitten und gepflegt war. Niemand würde auch nur auf die Idee kommen, dass so ein Bodybuilder wohnt. Überall sonst, aber nicht in diesem kleinen Puppenhaus in Marne an der Nordsee. Ich stand also vor ihrer Haustüre und musste nun klingeln und hoffen, dass sie mir wegen meiner Verspätung nicht den Kopf abreißen würde.
DIE Türe öffnete sich und vor mir stand eine 1.58 Meter große Frau mit strahlend blauen Augen einem dazu passenden türkisfarbenen, hautengen Overall mit Spitze, an den Füßen Turnschuhe mit gelbem Keilabsatz. Ihre Haut war so dunkelbraun, dass sie offensichtlich keinen Hehl daraus macht, dass sie nachhilft. Sie begrüßte mich freundlich, schien nicht verärgert über mein Zuspätkommen und bat mich her ein. Sie hatte sich schon Sorgen gemacht, ob ich überhaupt noch kommen würde. Der Blumenstrauß war ein voller Erfolg, denn orange schien, der Einrichtung nach zu urteilen, ihre Lieblingsfarbe zu sein. Von den Vorhängen über die Teppiche bis hin zum Tischläufer war alles in ihrem Wohnzimmer orangefarben. Ich setzte mich an den Tisch und Ilona brachte ein paar Häppchen, die sie offensichtlich mit viel Liebe zum Detail vorbereitet hatte. Dazu servierte sie Kaffee für mich und grünen Tee für sich. Kaffee sei nicht gesund, sie trinke seit Jahren nur noch grünen Tee.
ICH ertappte mich dabei, wie ich sie in den ersten Minuten anstarrte. Dieser Anblick, ihr Auftreten - einfach skurril. Ihr Haar glänzte und war voller als meins. So voll, dass man hätte vermuten können, es sei nicht ihr eigenes. Sie trug blaue Wimperntusche und knallroten Lippenstift und ihre Haut sah nicht so aus wie die Haut einer 61-jährigen Frau für gewöhnlich aussieht. Ihr hartes Aussehen widersprach völlig ihrer Art, sie war sehr offen und liebevoll. Der weiche Kern in der harten Schale.
SIE fing an, mir ihre Lebensgeschichte und ihren Werdegang zu erzählen, und ich hörte ihr konzentriert und gespannt zu. Ihr Deutsch war für mich schwer zu verstehen, da sie immer noch einen starken ungarischen Akzent hat, aber dafür, dass sie sich die deutsche Sprache selbst beigebracht hat, wie sie mir später berichtete, schlug sie sich nicht schlecht. Sie erzählte mir von ihrer Kindheit, von ihrem Vater, der schon früh starb, von den armen Verhältnissen, unter denen sie in ihrem Dorf aufwuchs und davon, wie Dieter Bohlen sie vergangenes Jahr vor ein paar Millionen Zuschauern, live im deutschen Fernsehen versucht hat, ich mich daran gewöhnt. Das Schlimmste ist eigentlich bloßzustellen. Die Redakteure von RTL haben ihr einen Brief geschrieben, in dem ihr eine Geldsumme dafür geboten wurde, dass sie in der Sendung »Das Supertalent« auftritt. Ilona hatte lange überlegt und sich schließlich dazu entschlossen, obwohl Freunde und Familie ihr davon abgeraten haben. Sie wollte aber auftreten, nicht des Geldes oder des Ruhmes wegen, sondern um der Welt zu zeigen, dass man, ganz egal in welchem Alter, alles schaffen kann, wenn der Wille da ist. Also traf sie die Entscheidung und stellte sich der Jury live auf RTL. In der Jury saßen neben Dieter Bohlen auch noch Michelle Hunziker und Thomas Gottschalk. Ilona führte ihre Kür vor und präsentierte sich, wie es mit den Redakteuren abgesprochen war. Doch sie wurde ausgebuht und weggebuzzert. »Wenn du dich ausziehst, kriege ich doch Angst, das ist dein Talent!«, so Bohlen. Ilona hatte sich eine andere Reaktion erhofft und es sich immer noch nicht ganz verziehen, dass ihr in dem Moment die passenden Worte gefehlt haben. Aber sie lernt aus Fehlern, schon ihr ganzes Leben lang. »Fehler machen einen stark«, sagt sie, »niemand kommt fehlerfrei oder perfekt auf die Welt!«. Das wird ihr erster und letzter Fernsehauftritt bleiben.
ILONA hat in Ungarn die Realschule abgeschlossen und danach den Beruf der Textilfacharbeiterin gelernt. Dieser führte sie zum Bodybuilding. Der Grund, weshalb diese Frau vor über 30 Jahren mit dem Bodybuilding angefangen hat, waren zu schwere Stoffrollen in der Fabrik. Jedes Mal, wenn sie an der Maschine die Rolle wechseln musste, benötigte sie die Hilfe von den Männern in der Fabrik. »Das wollte ich nicht mehr. Ich wollte stark und selbstständig sein, nicht abhängig von körperlich stärkeren Männer. Also fing ich an mit Gewichtheben.« Das war der Anfang der Karriere der damals zwanzigjährigen Ilona. Sie begann an Wettkämpfen teilzunehmen und Preise zu gewinnen und Gefallen daran zu finden.
EIN paar Jahre später zog Ilona der Liebe wegen nach Deutschland. Mittlerweile arbeitete sie als Fitnesstrainerin in Studios. Ihre längste Einstellung waren neun Jahre im Studio Ballon in Hamburg. »Ich habe das Ballon-Studio zu dem gemacht, was es dann schließlich war, die Leute kamen wegen meinem Training. Meine Wettkampfvorbereitung hat Gewinner erschaffen und das hat sich rumgesprochen in der Hamburger Szene. Ich war der Goldesel des Studios!« Stolz und etwas gekränkt erzählt mir Ilona das und auch, dass sie nie lange in Studios gearbeitet hat. Das Ballon ist die Ausnahme gewesen und auch dort gab es am Ende böses Blut. »Die Chefs von solchen Läden sind meistens Männer. Sie kommen mit mir nicht klar oder vielleicht auch nicht damit, dass eine Frau ihren Job besser macht als sie selber. Ich habe einen starken Charakter. Für manche eben zu stark«.
IHRE Art und ihr Charakter haben Ilona weit gebracht. Sie ist hartnäckig und willensstark. Das muss sie auch sein, um Wettkämpfe zu gewinnen. Die Vorbereitung auf solch einen Wettkampf ist nicht zu unterschätzen. Neben der Disziplin, die man dafür aufbringen muss, spielen auch hartes Training und die richtige Ernährung eine wichtige Rolle. Diverse Dosen mit verschiedenen Pulvern, sagt, dass es so sei »als würde man tausende kleine Proteinriegel und Eiweißshakes finde ich in ihrer Küche, Kreatin, Carnitin, alles da. Doch mit diesen Nahrungsergänzungsmitteln allein ist es nicht getan, Bodybuilder haben vor allem vor Wettkämpfen einen minimalen Körperfettanteil. Um das zu erreichen, muss die Ernährung extrem umgestellt werden. »Für mich war das früher sehr schlimm, mittlerweile habe ich mich daran gewöhnt. Das Schlimmste ist eigentlich nur, dass ich die leckeren Dinge, die ich für meinen Sohn und meinen Mann koche, selber nicht anrühren darf. Aber man gewöhnt sich wirklich an alles, viele Dinge schmecken mir einfach auch nicht mehr, Schokolade zum Beispiel.« Auf die Frage, warum sie sich das in ihrem Alter noch immer antut, lacht Ilona nur und Ameisen in der Hose haben, die an einem knabbern.« Sie kann nicht aufhören, noch nicht, sie hat vor, so lange weiterzumachen, bis ihr Körper es nicht mehr zu lässt und das wird wohl noch eine ganze Weile dauern, denn die Wettkämpfe halten die Dame fit. Außerdem ist sie durch die Wettkämpfe schon viel rumgekommen und hat viele Gleichgesinnte kennengelernt und Freunde gewonnen. »Ich war in New York, Russland, Spanien. Überall war es schön und hat Spaß gemacht und dieses Jahr will ich nach Florida zur Weltmeisterschaft. Nächste Woche beginne ich mit dem Training!«.
DER Sport hält Ilona jung, das sieht man dieser Frau an. Sie fühlt sich sehr wohl in ihrer braun gebrannten Haut. Sie wird dieses Jahr 63 Jahre alt und das macht ihr gar nichts aus. Das Alter wird sie so schnell nicht bremsen, die Frage ist auch, ob sie überhaupt etwas oder jemand bremsen kann. Diese Dame ist eine perfekte Powerfrau. »Ich will stark sein, sexy sein, Spaß haben, das Leben in vollen Zügen genießen. Ich will bunte Farben tragen, mich aufhübschen, feiern gehen und die ganze Nacht durchtanzen.«

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