Acht Körner Mais

Text / Fotografie: Felix Kouchinski

Überall, immer voll und immer das parat, was ich gerade haben will. Ob mir warm oder kalt ist – immer seid ihr der richtige Ansprechpartner. Wenn ich mal nicht weiter weiß, riskiere ich einfach einen Blick und lasse mir von euch, meinen treuen Freunden, einen Rat schenken. Ach, was werde ich euch vermissen, meine lieben Getränkeautomaten. Von Wasser über Tee, allerlei Säften bis hin zu verschiedensten Sorten Kaffee habt ihr schlicht weg alles, wonach man sich sehnen könnte.   ES war keine Liebe auf den ersten Blick, soviel ist sicher. Schwer fiel es mir am Anfang, euch zu vertrauen. Zu groß, zu werbend und protzig standet ihr da. Mit eurem leeren Blick und mit Versprechungen, die ich damals einfach nicht verstand. Der niedrige Preis lockte dann doch den streng zugeknöpften studentischen Geldbeutel. Und überraschend schnell entwickelte sich aus der anfänglichen Skepsis ehrliche Neugierde. Die ersten Monate verbrachte ich noch damit, euer reichhaltiges Angebot zu durchforsten um herauszufinden, welcher der zwanzig Kaffees am ehesten meinem Geschmack entspricht. Und was soll ich sagen, sie alle schmecken mir! Man könnte fast meinen ich wäre ausgesprochen anspruchslos wenn ich so etwas behaupte. Aber seid versichert-euer Angebot ist wirklich unwiderstehlich. Nachdem ich mittlerweile den Großteil durchprobiert habe, zieht es mich aber doch zu dem gewohnt Guten zurück. Dem Schwarztee mit Milch in seiner vollendeten Form. Ein Relikt der Engländer in einer lieblich süßen Abstraktion. Verführung, wie ich ihn am ehesten beschreiben würde, denn in jeder Lebenslage kann ein solcher Tee nicht falsch sein.   TROTZ dessen, dass dieser Tee keinerlei Makel zu haben scheint, schaffe ich es manchmal einen Moment inne zu halten und entdecke die Sonderlinge. Äußerlich von Kaffeedosen kaum zu unterscheiden habt ihr beispielsweise die Maissuppe im Angebot. Für hundert Yen schenkt ihr mir eine kleine warme Dose mit einem Inhalt, der exakt dem entspricht, was man bei uns im Aldi als Dosenmais versteht. Nur dass in dieser Variante keine Körner zu finden sind. Überwinde ich den ersten Würgereflex ist es mir sogar möglich, Gefallen an diesem Getränk zu finden. Nein, ehrlich! Denn nach dem letzten Tropfen stelle ich immer wieder mit Erstaunen fest, dass da tatsächlich Mais versteckt ist. Ganz unten, ganz hinten, ganze acht Körner. Aber immerhin genug, dass diese mir einen wohltuenden nostalgischen Flashback in die Zeit bereiten, in der Dosenmais noch die bevorzugte Mahlzeit in der großen Pause war.   BEI aller Liebe müsst ihr euch allerdings auch eine klitzekleine Kritik anhören, denn was mich noch nicht so ganz überzeugt ist die Zwiebelsuppe. Es bleibt das einzige Getränk, das ich aufgrund akuter Gefahr für mein nächstes Umfeld stehen lassen musste. Es fiel mir schwer und es tut mir leid, doch es blieb nicht einmal mehr Zeit herauszufinden, ob auch dort Gemüsereste zu finden sind. Übrigens – ein Geheimnis das ihr ruhig für euch behalten könnt.   ABER Schwamm drüber, passiert ja jedem mal, so ein Fels in der kleines Missgeschick im Sortiment. Viel mehr Danke dafür, dass ihr immer so schön hell scheint und die Straßen im Rotlichtviertel ausleuchtet, damit man die Yakuzaleute besser sieht. Niemals muss ich mich unsicher fühlen, da ihr mir immer ein Gefühl der Geborgenheit gebt. Auch brauche ich dank euch keine Sterne mehr um mich klein zu fühlen. Reicht mir alleine der Gedanke an eure allmächtige Existenz. Eure blinkenden LEDs erinnern mich stets daran, dass ich zumindest nicht an Durst sterben werde. Mit welch einer Sorglosigkeit man mit diesem Wissen durch die Welt spaziert! Auf Inseln die einen Eindruck vermitteln als hätten sie keine Zivilisation, sondern nur wildgewordene Tiere, seid ihr der Brandung, der mir auch für jene Orte Hoffnung gibt. Trauer blicke ich auf eure Brüder, die Sake- und Bierautomaten.   MIT Trauer blicke ich auf eure Brüder, die Sake- und Bierautomaten, die den Gesetzen zum Opfer fielen. Aber seid versichert. Diese waren nicht umsonst. Ihr seid immer noch das Vorbild für die Menschheit! Extrem leistungsfähig und trotz eurer Beständigkeit immer offen für Neues. Dabei drückt ihr niemandem eure Meinung auf, sondern gebt jedem das, was er am liebsten hätte. Wäre es nicht perfekt, wenn die Menschheit auch ein bisschen Getränkeautomat wäre?

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