Das Cluster Netzwerk

Text: David Pilling
Fotografie: Lisa Arlt, Benedikt Eisenhardt, Anna Haag, Jakob Lauer, Justine Szczepancyk, Bejamin Wurster

Warum geht alle Welt ins Valley, warum zieht es Biologen so magisch nach New Jersey? Und wieso fährt der Nachbar zum Schuhkauf immer nach Italien? Was ist ein Cluster? Was haben die Computer-Superhirne im Silicon Valley, nadelgestreifte Banker in der Londoner City, Weinbauern in Kalifornien, bodenständige oberitalienische Schuhmacher und mächtige Filmmagnaten in Hollywood miteinander zu tun? Weshalb ballen sich die meisten Pharmaunternehmen ausgerechnet in einem handtuchschmalen Korridor von New Jersey nach Pennsylvania? Und warum hat sich Bangalore zum Zentrum der Softwareindustrie gemausert? Schon seit Jahrhunderten drängt es einzelne Branchen wie durch Magnete angezogen an bestimmte Orte. Banken-, Theater-, und Zeitungsviertel in Metropolen zeugen von der Anziehungskraft, die eine location auf eine Branche ausübt. In London ballen sich die Auktionshäuser in ein paar Straßen. In Dänemark zieht es die Windmühlenhersteller magisch in die Stadt Herning. In New York häufen sich die Werbeagenturen in der Madison Avenue, während sich, wiederum in London, das Geflecht der britischen Filmindustrie auf einige Straßenzüge in Soho beschränkt. Die Anziehung eines Ortes kann sogar unglaublich spezifisch sein: Novo Hamburgo im brasilianischen Bundesstaat Rio Grande do Sul hat sich ausschließlich auf Damenschuhe spezialisiert, die Stadt Franca im Bundesstaat São Paulo exklusiv auf Modelle für Herren.   DOCH trotz der Fülle an empirischem Material – man könnte die Liste noch erheblich verlängern-gilt die Cluster-Bildung erst seit 1990 als theoriereif. Als Vater der Cluster-Theorie gilt der Ökonom Michael Porter. In seinem Buch »The Competitive Advantages of Nations« beschrieb der Harvard-Professor vier eng miteinander verflochtenen Einflüsse auf eine lokale Geschäftsumgebung. Erstens: Die Kosten und die Qualität der eingesetzten Produktionsmittel. Zweitens: die Ansprüche der lokalen Kunden. Drittens: die Art des Wettbewerbs vor Ort und die Intensität desselben, und viertens: die Anwesenheit moderner Industriezweige. Das erfolgreiche Wechselspiel dieser Faktoren, Porter nennt sie einen »Diamanten«, erzeuge eine synergetische Dynamik. In Clusterregionen könne man einen Innovationsdruck feststellen der die Produktivität ankurbelt und branchennahe Betriebe in die Region treibe, meint Porter: »Cluster sind die Bausteine einer produktiven, innovativen Wirtschaft. Ein Cluster ist mehr als eine einzelne Industrie, die ein einzelnes Produkt herstellt. An einem erfolgreichen Cluster ist eine Vielzahl verwandter Industrien, Zulieferfirmen und Institutionen beteiligt, die sich alle am selben Standort befinden. Am größten ist der Erfolg dort, wo der interne Wettbewerb am lebendigsten ist, dort wo Unternehmen ihren ganzen Stolz daran setzen, an die Spitze zu wollen.«   NACH Porters Auffassung sind Cluster die wichtigsten Mittel, mit denen moderne Volkswirtschaften im Stande sind, den Wert durch innovative Produkte und Dienstleistungen zu schöpfen, die den höheren Lebensstandard ihrer Angestellten unterstützen. Ohne die Mechanismen zur Gewährleistung ständiger Verbesserungen der Produktivität, lautet ein Credo von Porter, wären reiche Länder gezwungen, mit den ärmeren auf demselben Niveau in Konkurrenz zu treten: auf der Ebene der Niedriglöhne.   CLUSTER gibt es zwar auch in Ländern mit geringerem und mittlerem Einkommensniveau, siehe Bangalore, doch erst in den fortgeschrittenen Ökonomien entfalten die vier Elemente des Porter'schen »Diamanten ihre Wirkung in voller Größe. Wie aber entsteht ein Cluster? Die entscheidende Frage. Warum konzentrieren sich die führenden Biotech-Firmen in einer Hand voll Zentren: Boston, San Diego und San Francisco in den Vereinigten Staaten, Oxford und Cambridge in Großbritannien und München auf dem europäischen Festland? Weshalb wurde Minneapolis zur Hauptstadt« der Medizintechnik, Hongkong zum Bankenzentrum?   VIELE Cluster erhalten ihren entscheidenden »Push« von einem, alles entscheidenden Faktor. Für die Ansiedlung einer Schuhindustrie kann die Verfügbarkeit von Leder das maßgebliche Kriterium sein; ein tiefer Hafen ruft möglicherweise Im- und Exportfirmen auf den Plan; eine Spitzen-Universität vor der Haustür kann für naturwissenschaftlich-technisch orientierte Firmen reizvoll sein. Auch niedrige Steuern haben Charme. Echte Cluster entwickeln sich jedoch über den Ursprungsimpuls hinaus. Im Laufe der Zeit erarbeiten sie sich eine Reihe von Wettbewerbsvorteilen, die sich ständig gegenseitig verstärken - Innovation zum Beispiel oder neue Geschäftsbereiche. Manchmal kommt es auch vor, dass der ursprüngliche Auslöser eines Clusters, beispielsweise ein Eisenerz-Vorkommen, gar nicht mehr vorhanden ist, doch der Cluster bleibt.   FÜR die Erfolgsstory des Silicon Valley stand die Stanford Pate. Nicht nur, dass sie zu den ersten Adressen der amerikanischen Universitätslandschaft zählt: Nein. Schon frühzeitig arbeitete man auf dem Campus aktiv an der Patentierung des geistigen Eigentums. Professoren wurden zu kommerziellen Ausgründungen ermutigt, Studenten gründeten Firmen noch während sie studierten. Kommen solche Faktoren zusammen (und hinzu die Aura und die Lebensqualität der Bay Area), gewinnt ein Cluster allmählich Vorteile gegenüber anderer Regionen und wirkt wie ein Magnet. Der Rest ist bekannt.   ORTSWECHSEL: Vigevano, in der Nähe von Mailand, gilt als Hochburg der italienischen Schuhfabrikation. Hunderte kleine Schuhmachereien werden hier von wenigen Gerbereien, Lieferanten und Maschinenherstellern bedient. Wenn in Vigevano ein Engpass droht oder ein Großauftrag ansteht, greifen die Unternehmen auf die Kapazität ihrer Konkurrenten zurück. Auch an Fachkräften herrscht kein Mangel. Wenn Maschinen ausfallen, sind sie innerhalb von Stunden repariert, wo immer Probleme auftreten, bietet die vitale Infrastruktur Hilfen und Alternativen. Ein weiterer Vorteil ist das Innovationsklima: In Vigevano tauschen die Designer ihre Ideen im Café bei einem Cappuccino oder bei der regionalen Messe aus. In Boston kann die Bemerkung eines Biologen, beiläufig beim Lunch fallen gelassen, bei einem ganz anderen Unternehmen zum Durchbruch führen. Die Annahme, dass Cluster zwangsläufig Innovation fördern, wurde öfters mit dem Hinweis infrage gestellt, dass die Konzentration von Betrieben zu einer Herdenmentalität führe.   DEM Einwand begegnet Porter mit der Notwendigkeit anspruchsvoller Kunden, die in einer bestimmten Umgebung nur das beste erwarten: »Hohe Ansprüche verschaffen den lokalen Unternehmen Einsicht in die Erfordernisse des Marktes. Diese Erkenntnisse bilden die Grundlage für internationalen Erfolg.« In einer globalisierten Ökonomie mag dies merkwürdig klingen. Doch ein Konsument, der zum Beispiel Modetrends folgt, ist in der Regel auch bereit, in eine Region zu reisen, wo er die Auswahl unter Hunderten von Designern hat. Denn: Wo Wettbewerb herrscht, wird auch engagiert um die auffälligsten und pfiffigsten Entwürfe gefochten.   WIE wichtig der richtige Standort selbst in einer hochgradig globalisierten Branche wie der Pharmaindustrie sein kann, veranschaulicht der Korridor von New Jersey nach Pennsylvania. Die Entstehung des Pharma-Clusters in New Jersey datiert aus dem späten neunzehnten, frühen zwanzigsten Jahrhundert. Damals siedelten die ersten europäischen Pharmaunternehmen ihre Tochterfirmen in der Nähe von New York an. Als später noch in die mächtige Food and Drug Administration (FDA) ganz in der Nähe, in Maryland, ihre Zelte aufschlug, waren die Würfel für die erfolgreiche Zukunft gefallen. Vorteilhaft machte sich auch die Nähe zur Princeton-University bemerkbar. Denn auch das ist auszeichnend für diese Art des Netzwerks: Nach einer Weile braucht man im Cluster keinen nennenswerten Zustrom mehr von außen. Junge Chemiker, Biologen, Bio-Informatiker, Ingenieure und Anwälte werden in der Region ausgebildet. Der Pharma-Cluster ist inzwischen derart etabliert, dass es europäische Firmen unweigerlich in die USA zieht. Andere profitieren von den biotechnologischen Innovationen »made in the USA«. Man könnte die Anziehungskraft der USA auf die Pharmakonzerne auch jenseits eines Cluster-Effekts begründen. Zum Beispiel mit der Tatsache, dass die USA einen einzigartig freien Markt für Pharmazeutika darstellen, weltweit mit großem Abstand die Nummer eins sind für verschreibungspflichtige Medikamente. All das wäre möglich, lautete da nicht eines von Porters Kriterien »die Ansprüche der Kunden!«.   NACH Porters Ansicht beschränken sich Cluster natürlich nicht auf Hightech-Branchen, obwohl sie immer dazu neigen, auf ihrem jeweiligen Gebiet am innovativsten zu sein. Ein anderes Beispiel für ein erfolgreiches Cluster ist für Cluster-Pabst Porter die italienische Schuhindustrie: »Schuhe scheinen an sich ja ein triviales Produkt zu sein. Doch die Italiener verdienen mit der Schuhfabrikation sehr gut, weil sie ihre Schuhe auf ganz besondere Weise herstellen – mit großartigem Design, großer Eleganz, starken Markennamen, hervorragendem Vertrieb. Deshalb können es sich die Hersteller auch leisten, ein Paar Schuhe für hundertfünfzig Dollar anzubieten. Das versetzt sie such in die Lage, hohe Löhne zu zahlen und hohe Gewinne zu machen.« Ein weiteres Beispiel für ein erfolgreiches Cluster ist die kalifornische Weinindustrie. Das Land, in dem Milch und Honig fließen, rühmt sich seiner 440 Kellereien und 3000 unabhängigen Winzer. Mit der University of California in Davis, einem anerkannten Zentrum für Keltereiforschung und -technologie, ist akademischer Sachverstand in der Region. Spezialisierte PR-Agenturen tun im Wesentlichen nichts anderes, als für die Weine zu werben. Auch das ist ein Cluster.   WIE Regierungen die Cluster-Theorie nutzen können, ist umstritten. Porter selbst gilt als überzeugter Gegner einer Industriepolitik, die versucht, Sieger zu bestimmen und einzelne Sektoren gezielt zu fördern. Jedoch tritt er sehr wohl dafür ein, dass eine Regierung Hindernisse aus dem Weg räumt und eine Geschäftsumgebung schafft, in der Cluster florieren können. Das ist ein feiner Unterschied. Singapur zum Beispiel unternimmt zur Zeit erhebliche Anstrengungen, zur asiatischen Drehscheibe der Biotech-Industrie heranzuwachsen. Ein Pfund, mit dem der Stadtstaat wuchert, ist seine Rolle als Zentrum für die Herstellung von Pharmazeutika. Damit die besten Köpfe der Branche ins Land kommen, bietet man Stipendien und Steuererleichterungen. Wenn Singapur erfolgreich ist, wird es jedenfalls als der erste durch reine Willenskraft zustande gekommene Cluster in die Geschichte eingehen.

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