Gedanken im Spiel

Autor / Illustration: Hassân Almohtasib

WIR waren am Mond. Also natürlich nicht wir, sondern ein paar Menschen. Die waren am Mond. Sagt die Nasa. Andere sagen: „Niemand war am Mond. Man hat uns belogen.“ Aha. Wollen wir die physikalischen Fakten vorerst einmal außer Acht lassen, und beschäftigen wir uns mit der Frage, worin die Vorteile der jeweiligen Position liegen, also was hat die Nasa davon, zu behaupten, es wäre gelungen, am Mond zu landen, und was haben die, die behaupten, es wäre nicht so, ihrerseits davon?

Die Position der Nasa ist ziemlich klar; die kriegen eine Menge Geld dafür, daß sie im Weltall herumfliegen. Und die Mondlandung hat ihnen ein Präsident recht öffentlich ins Pflichtenheft geschrieben, da wär das blöd, wenn man sagt: „Leider, das haben wir nicht geschafft, das müssen wir schuldig bleiben, aber wir haben schon ganz tolle Ideen, was wir mit dem Budget fürs nächste Jahr sonst alles machen können.“ Das sollte man zumindest ernsthaft versuchen. Es sei denn, es sprechen prinzipielle Gründe dagegen, wie zum Beispiel; man weiß, daß ein Strahlungsgürtel die Erde umfaßt, den man nicht durchqueren kann, ohne augenblicklich als malignes Ganzkörpermelanom aufzuplatzen wie ein Popcorn. Dann sollte man das lieber erst gar nicht versuchen. Das sollte man dann aber gleich laut sagen. Wenn dieser Strahlungsgürtel tatsächlich so furchtbar wäre, dann ließe sich das nicht sehr lange verheimlichen, und eine Lüge, die als solche erkennbar ist, ist keine. Wenn der Strahlungsgürtel zwar vorhanden ist, aber, wenn man ihn mit entsprechender Geschwindigkeit durchquert, den Astronauten eine zusätzliche Strahlenbelastung beschert, die sie in zwei Jahren auf der Erde auch so abbekommen, dann kann man das versuchen.
Natürlich ist man geneigt, wenn man lügt, das so zu machen, daß man dabei möglichst gut ausschaut. Man würde im Interesse der Glaubwürdigkeit (Eine Lüge, die als solche erkennbar ist, ist keine.) ein paar kleine Rückschläge konstruieren, schon einmal damit das nicht wie ein Spaziergang aussieht, der ohnehin nicht so wahnsinnig kompliziert ist. Aber drei Astronauten auszubilden, was viel Geld kostet, und die drei dann in einem Bodenversuch abzufackeln, damit das wie „echt schwer“ ausschaut, ist bei aller moralischer Verwerflichkeit eine Meisterschaft der Lüge, die in krassem Widerspruch zu dem steht, was an sonstigen Fehlern beimLügen unterstellt wird (Ein Stein am Mond hätte eine Requisitennummer, die niemand bemerkt hat). Nun gibt es auch die Behauptung, diese drei verbrannten Astronauten hätten gewußt, wenigstens geahnt, daß das alles ein Schwindel ist, und wären deshalb getötet worden. Es müßten also zwei unterschiedliche Teams von Lügnern an dieser Verschwörung beteiligt sein. Zum einen diabolische, skrupellose Meister, die in der menschlichen Psyche spazieren gehen können und dort jeden Schalter kennen und bedienen können, und zum anderen komplette Idioten, die zum Beispiel nicht wissen, daß es am Mond keine Atmosphäre gibt, in der eine Fahne flattern könnte. Und das perfekte, zumal skrupellose Team hätte nach Beendigung der Vorarbeiten ihren Platz kampflos für das Idiotenteam frei gemacht. Das zum Beispiel hätte schon einmal passieren müssen, wenn die Nasa bei der Mondlandung gelogen hätte, wozu sie Grund gehabt hätte, wäre die Mondlandung unmöglich gewesen. Was ist nun der Vorteil bei der Behauptung, wir wären belogen worden? Schon einmal das „Wir“, das sich damit konstruieren läßt. Und zwar sehr einfach konstruieren läßt. „Wir für“ ist viel schwerer herzustellen und lange nicht so stabil wie „Wir gegen", am allereinfachsten ist ein „Die gegen uns“, da erspart man sich auch die Konstruktion von Gründen, warum man gegen etwas ist, da wird einem Gegenüber eine böse Absicht unterstellt, die nämlich so böse und deshalb auch geheim ist, daß sie in ihren Grundzügen auch nicht näher ausformuliert werden muß Cauch nicht kann), und wer sich benachteiligt fühlt, was im Mittelstandswesten ein großes Reservoir ist, kann sich in das „Wir“ eingliedern. Nun wird von Seiten der Mondlandungsskeptiker an die, die sie für echt halten, gern einmal der Vorwurf erhoben, leichtgläubig zu sein, als stünde hier Wissen gegen Glauben. Das stimmt zwar, aber die Laufrichtung ist umgekehrt. Wer die Mondlandung für echt hält, glaubt wohl, daß stimmt, was die Nasa sagt, aber dieses Glauben ist nicht in ein konfessionelles Gerüst eingebunden, das nur durch eine Vielzahl von unüberprüfbaren Zusatzbehauptungen überhaupt zusammenhält, sondern das ist einfach die Annahme, daß es auf dem Boden dessen, was man über die Physik weiß, möglich ist, Menschen auf den Mond und wieder zurück zu bringen, und das auch getan wurde. Die Deutsche Sprache bietet da leider keine deutliche Unterscheidung zwischen einer wohlerwogenen Annahme und einem religiösen Glauben. Also gut; es gibt Menschen, die glauben, daß die Mondlandung echt war, aber eben nicht religiös, sondern pragmatisch; das basiert auf dem was man weiß: mit dem, was wir (Menschen) wissen, haben wir etwas gemacht, was man wissen kann.
Und es gibt Menschen, die das nicht glauben. Das aber in einer Grammatik, die durchaus religiöse Muster aufweist. Das Gegenteil von Wissen ist ja nicht „Nicht-Wissen" sondern „Glauben"; „Nicht-Wissen“ ist jederzeit widerspruchsfrei behebbar. Wer etwas nicht weiß, fragt jemanden, der das weiß, und dann weiß er es auch. Religiös Geglaubtes kollidiert gern einmal mit der normativen Kraft des Faktischen, weil die zu glaubende Behauptung in Unkenntnis der Sachlage formuliert worden ist. Wird der Widerspruch offenkundig und belegbar, dann wird das Geglaubte nicht revidiert, sondern im besten Fall über eine Zusatzbehauptung, in der sich Sachargumente totlaufen sollen, von der harschen Wirklichkeit abgeschirmt, wie es mit der Einführung des Intelligent Designs eindrucksvoll belegt worden ist. Die ursprüngliche Behauptung gegen die Mondlandung lautet: „Das haben die nicht gemacht, weil das gar nicht geht." (Wenn die Mondlandungsskeptiker das nämlich für prinzipiell möglich hielten, bestünde die ganze Diskussion ja nicht.) Nun hat sich gezeigt, daß jeder Grund, der angeführt wurde, warum das schon einmal gar nicht gehen kann, einer Überprüfung nicht stand hält. Da könnte man ja einfach sagen: „Aha, das hab ich nicht gewußt, jetzt hab ich was gelernt, dann stimmt das, was ich angenommen habe, also nicht, jetzt weiß ich ein bisserl mehr als vorher." Und damit wäre die Sache vom Tisch. Wenn es da um Wissen ginge. Geht es aber nicht. Jetzt wird eine Zusatzbehauptung an das mittlerweile Geglaubte montiert; „Das ist eine Verschwörung; das, was die Physiker da erzählen, stimmt nicht, und das wissen die auch, die belügen uns absichtlich!“ Was diese Behauptung auf jeden Fall befördert, ist die Tatsache, daß „die Physiker“ untereinander in einer Sprache verkehren, die den allermeisten Menschen von Schultagen an ein Gräuel ist, nämlich in der Sprache der Mathematik. Eine Art Geheimsprache, die nur wenigen Eingeweihten zugänglich ist. Diese Sprache ist natürlich nicht geheim, die ist sogar sehr öffentlich, aber sie wird von denen, die sie nicht lernen wollen, per Selbstausschluß operativ zur Geheimsprache gemacht. Wenn eine Gruppe Menschen einmal des Gebrauchs einer Geheimsprache sozusagen überführt ist, dann ist dem Gedanken an eine Verschwörung eine prima Einflugschneise eröffnet. Da glaubt jemand, daß etwas Bestimmtes wie die Mondlandung nicht geht, dann kommt ein anderer und weiß, daß das sehr wohl geht. Und jetzt ist wieder der sozusagen Gläubige dran; er könnte sagen: „Aha. Ich kann das zwar nicht im Detail überprüfen, weil ich mathematisch und naturwissenschaftlich nicht so sattelfest bin. Wenn's mich wirklich interessiert, muß ich halt viel lernen, aber ich vertraue einmal darauf, daß die, die das sehr wohl gelernt haben, weil die das halt so sehr interessiert, daß sie sich beruflich mit den Wirkzusammenhängen der Dinge dieser Welt befassen, ich nehm einmal an, daß nicht alle gleichzeitig und bewußt lügen.“ Das ist eine Möglichkeit damit umzugehen, daß das, was er angenommen hat, nicht stimmt. Oder er glaubt etwas Neues; etwas, was die ursprüngliche Behauptung stützt und in Widerspruch zur Widerlegung steht. „Die Physiker lügen alle!“ Damit sind Sachargumente schon einmal alle aus dem Rennen. Einfach.
Was macht Glauben attraktiver als Wissen? Wissen ist sehr unelastisch und recht mühsam zu erwerben. Wenn ich wissen will, was jemand anderer weiß, dann muß ich das lernen. Wenn ich glauben will, was jemand anderer glaubt, dann muß ich das nur glauben. Das erfordert nur die Bereitschaft aber wenig Arbeit, und Rückschläge sind praktisch ausgeschlossen, weil Glaubensinhalte vom Theorem der prinzipiellen Falsifizierbarkeit ausgenommen sind. Wissenschaftliche Aussagen unterliegen der Forderung, daß sie überprüfbar sein müssen mit natürlich der Implikation, daß, falls die Überprüfung negativ ausfällt, die Aussage als „leider falsch“ zurückgeschmissen wird, und dieser Befund den Formulanten der Aussage zurück an den Schreibtisch oder ins Labor zwingt, um neu nachzudenken. Wissenschaft ist kein Religionsersatz. Prinzipiell nicht. Religio heißt „Wiederverbinden“. Das „sci“ in „Science“ ist das gleiche wie in „Scissors“, der Schere. Da wird etwas getrennt. „Scheitern“ und „gescheit" haben den selben Ursprung. Auch da wird etwas getrennt. Beim Scheitern trennt sich der Plan oder das Vorhaben von der Wirklichkeit. Das ist deutlich wahrnehmbar, und daraus kann man dann Konsequenzen ziehen. Wenn man gescheit ist, trennt man bei der Analyse des Geschehenen Ursache von Wirkung und versucht das auf Basis der neuen Erkenntnisse noch einmal, aber eben entsprechend anders. Dazu muß man das vorangegangene Scheitern aber vollinhaltlich zur Kenntnis nehmen. Nur dadurch kann man dann auch gescheiter werden. Das ist sehr mühsam und bringt einen aber letztlich nur 58 dorthin, wo man dann ist. Alles, was man darüber hinaus wissen will, muß man sich wieder genau so erarbeiten und dabei eben in Kauf nehmen, daß man unterwegs immer wieder scheitert, daß eben „falsch“ von „richtig“ getrennt wird. Das muß man schon mögen.
Und das geht auch nicht so glatt und leidenschaftslos ab, wie das jetzt vielleicht klingt; die Einführung des Planckschen Wirkungsquantums war nach Bekunden von Max Planck selbst eine „Verzweiflungstat“, weil das mit dem bis dahin für wahr gehaltenen Weltbild, nämlich, daß Veränderungen kontinuierlich geschehen, radikal kollidiert ist. Aber die Welt ist halt nicht unbedingt so, wie wir das gerne glauben, sondern so, wie sie ist. Und wenn wir drauf kommen, daß unsere Annahmen nicht zutreffen und an der Welt scheitern, dann sind wir gescheiter als vorher.
Der Weg zu Wissen führt immer über Irrtümer; da werden, wenn es sein muß, eben ganze Weltbilder gekippt und in die Asservatenkammer der Geschichte geschubst. „War falsch. Leider. Hätte uns gefallen, ist aber nicht so.“ „Raum und Zeit sind absolut." Das wäre schön, weil das auch so augenfällig ist. Da kennt man sich aus. Ist aber nicht. „Wenn man nur genau genug hinschaut, dann sieht man auch bei den kleinsten Teilchen, wo die sind und was die machen." Das wäre auch praktisch. Grad für die Wissenschaft. Stimmt aber nicht. Das weiß man. Daraus ergeben sich dann natürlich auch neue Möglichkeiten. Da kann man auf dem Grund dessen, was man jetzt eben weiß, neue Wege beschreiten. Aber die muß man natürlich zu Fuß gehen, und jeden Irrtum, dem man dabei aufsitzt, als solchen akzeptieren. Dieses Programm ist nicht wirklich attraktiv; permanent von „Pfiffig gedacht, aber leider falsch!“ Wie einfach ist es dagegen, den Überbringer der schlechten Nachricht, nämlich der Nachricht: „Du hast dich geirrt! Die waren tatsächlich am Mond." als Lügenbold im Auftrag böser Mächte aus dem Diskurs zu watschen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.