Den Nil entlang ins Mare Tranqvillitatis

Autor / Illustration: Hassân Almohtasib

Dr. Farouk El-Baz, mit wie viel Erstaunen würden Sie den Vollmond aus Ihrem Fenster noch ansehen, wenn Sie heute Nacht die Gelegenheit dazu hätten?

Die Menschen bewunderten den Mond, seitdem es sie gibt. Meine Bewunderung für den Mond ist ebenso groß. Da ich mit seiner Geschichte und vielen seiner Facetten vertraut bin, fühle ich mich ihm verbunden. Ich betrachte ihn sogar als einen mir sehr sympathischen Ort.

Lange vor der ersten Mondlandung war der Mond ein Symbol der Unerreichbarkeit; ein ziemlich weit entfernter Nachbar; ein Mythos und ein großer Traum. Heute sagt man, die Mondlandung von 1969 hätte diese ganze Geschichte ein für alle mal entmythologisiert. Verbirgt uns der Mond noch etwas?

Allerdings! Es gibt noch einiges, was nicht klar ist. Über seine Herkunftsgeschichte lässt sich immer noch streiten. Ist er ein „Gatte“ der Erde; wurde also von ihr angezogen und blieb in ihrem Orbit? Oder ist er ein „Sohn“ der Erde; also aus ihr hervorgegangen, nachdem sie sich selbst geformt hatte? Zusätzlich wissen wir immer noch nicht, wie die Eiswasserpartikeln, die sich in den Polarregionen des Mondes finden lassen, entwickelten und wie viele davon blieb mit den Erdpartikeln vermischt. Es sind noch einige Fragen offen.

Sie kamen im Jahre 1964 nach einem kurzen Aufenthalt in Ägypten in die vereinigten Staaten zurück. Einige Monate danach fingen Sie an, für die NASA zu arbeiten. Was konnte ein Geologe, ein „Erdspezialist“ einer Institution anbieten, die nur den Mond im Visier hatte?

Eine zentrale Frage im Arbeitsbereich der Geologie ist die der Herkunft von Gestein. Die Geologie versucht eine Antwort darauf zu geben, wie Gestein sich formt, um die Landschaft um uns herum interpretieren zu können. Die NASA aber suchte Geologen, um die Landschaft des Mondes zu untersuchen. Also fingen wir an, die Besonderheiten des Mondes anhand von Teleskopbildern zu studieren. Dabei setzten wir unsere Kenntnisse über die Geologie der Erde ein. Das Ergebnis der Studien zeigte, dass unsere Vergleichsinterpretationen korrekt waren. Diese Herangehensweise war der einzige Weg dahin.

Eine Landung auf dem Mond ist ein uralter Traum. Spuren dieses Verlangens lassen sich im Erbe aller Kulturen finden. Nach der industriellen Revolution in Europa am Ende des vorletzten Jahrhunderts wurde dieser Traum um so größer. Es gab viele Werke der Science-Fiction, die diesen Traum beflügelten. In seinem Film – la Voyage dans la Lune, 1902 ließ George Melies ein besmanntes Geschoss im rechten Auge des Mondes landen. 1953 ließ Herge den Reporter Tim, den Hund Struppi und den Rest der Mannschaft mit einer Rakete im Hipparchus-Krater landen. 1964 zeigte der Film „The First Men in The Moon“, wie es drei Briten gelingt auf dem Mond im Mare Imbrium zu landen, das vom Gruppenführer als ideal zum Landen angesehen wurde. Wo sollte man tatsächlich am Besten auf dem Mond landen?

Ich würde sagen, dass der Roman „Von der Erde zum Mond“ von Jules Verne die Inspiration all dieser Geschichten ist. Jeder, der am amerikanischen Mondprogramm beteiligt war, las den Roman. Es wird immer noch gestritten, inwieweit Vernes fantastische Beschreibungen die Gestaltung der Rakete, das Raumschiff und die Abschussrampe in Florida beeinflusst hätten. Ganz am Anfang als ich bei der NASA einstieg, habe ich drei Monate damit verbracht, unseren Bestand von 4322 Mondbildern zu analysieren und katalogisieren. Das Ergebnis meiner Arbeit waren 16 mögliche Landestellen auf dem Mond. Aus geologischer Sicht wäre die ideale Stelle die Spitze einer der ältesten Bergketten, um eine Probe des ältesten freigesetzten Mondgesteins zu nehmen. Jedoch war dieses Vorhaben mit den damaligen Ausstattungen nicht umzusetzen. Als ich mit der Auswahl der Landestelle für die Mondlandung beauftragt wurde setzte ich zwei Kriterien: Erstens darf die Stelle nicht felsig sein. Dazu sollt sie so eben wie möglich sein, damit das Raumschiff nicht umkippt. Zweitens sollte die Stelle ein aus geologischer Sicht repräsentativer Punkt sein. Die 16 Stellen, die ich heraussuchte, decken die gesamte geologische Bandbreite des Mondgesteins ab.

Alle bisherigen bemannten Mondlandungen fangen auf der vorderen Seite des Mondes statt. Was ist mit der uns abgewandten Seite?

Heute spricht nichts dagegen! Gar nichts! Eigentlich hatten wir vor, eines der letzten Landungen auf den Tsiolkosky-Krater landen zu lassen, um Proben von den seltenen dunklen Mare-Abfällen und vom Gestein der hohen Gebiete zu holen.

Später wurden Sie von der NASA mit dem Training von Astronauten betraut. Dabei lernten Astronauten, wie Geologen zu sehen. Während einer Umrundung des Mondes bei der Apollo 15 sagte der Astronaut Alfred Worden: „Nach dem Training des Königs (NASA-Spitzname für Dr. El-Baz, genannt nach dem letzten Ägyptischen König) fühle ich mich, als ob ich hier schon mal gewesen wäre“. Welche Herausforderungen hatten Sie bei dieser Lehraufgabe bei der NASA?

Die Herausforderung bestand darin, das Interesse des Astronauten für die Geologie zu wecken. Am Anfang ging es dabei um das Erkennen geografischer Gegebenheit, um geografischer Gegebenheiten, um das geologische Auge der Astronauten zu schulen. Später ging es um die Bestimmung der geologischen Herkunft. Das Ziel war, dass die Astronauten uns eigenständig mit neuen Materialien und Informationen beliefern können. Schließlich ist es ihre Aufgabe uns die „richtigen“ Proben aus dem Gestein des Mondes zu holen.

Die meisten Astronauten waren Piloten der amerikanischen Luftwaffe, die sich eine zusätzliche geologische Ausbildung aneignen sollten. Warum bildete die NASA nicht stattdessen Geologen zu Piloten aus? Haben Sie schon daran gedacht, den Monat mit den eigenen Augen zu sehen, anstatt übertragene Bilder zu studieren?

Die NASA bot tatsächlich 1967 Wissenschaftlern eine Pilotenausbildung an. Die Ausbildung hätte zwei Jahre gedauert. Da ich mich in der Zeit mit einer Forschungsarbeit beschäftigte, waren diese zwei Jahre für mich eine zu große Unterbrechung. Sechs von uns entschieden sich zwar für diese Möglichkeit, aber einer Einer – Jack Schmitt – flog mit Apollo 17 zum Mond. Ich bildete die Astronauten nur aus, hatte aber immer das Gefühl, den Mond durch die Augen der Astronauten selbst sehen zu können.

Wie würden Sie das amerikanische Mondprogramm beschreiben: ein politisch-militärisches oder ein wissenschaftlich-investigatives Programm?

Weder noch! Eigentlich war das ein Versuch, das Niveau der Wissenschaft und der Forschung in den USA insgesamt zu erhöhen. Man befürchtete, die Sowjet-Union würde die USA im Bereich der Weltraumforschung überholen. Um dies zu verhindern wurde die NASA im Jahre 1958 gegründet.

Die letzte bemannte Mondmission war Apollo 17 im Jahre 1972. Es sind fast 40 Jahre, die uns von diesem Ereignis trennen. Diese Lücke entspricht gewiss nicht der kumulativen kontinuierlichen Natur der Wissenschaft oder der Forschung. Warum wurden die Mondprogramme eingestellt? Und was könnte der To-Do-Liste einer künftigen Mondmission stehen?

Das Apollo-Programm hatte erstens ein klar definiertes Ziel; Menschen auf den Mond zu bringen und diese gesund und unversehrt auf die Erde zurück zu bringen und zweitens eine begrenzte Zeitspanne; Ein Jahrzehnt. Es sind gerade die Inder und die Chinesen, die über Programme verfügen, die innerhalb der kommenden zwanzig Jahre bemannte Missionen zum Mond schicken könnten. Für die USA kommt dies gerade wegen der schlechten finanziellen Lage und der hohen Kosten eines solchen Programms nicht in Frage. Das ist auch der Grund, aus dem Politiker heute so schüchtern über Weltraumforschung sprechen, wenn man die berühmte Rede von Kennedy in Erinnerung hat, wo er das Mondprogramm immerhin noch als eine nationale Aufgabe verstand.

Bisher waren Mondprogramme von einem globalen Standpunkt betrachtet, überwiegend nationale Projekte. Es scheint heutzutage allerdings schwieriger denn je, ähnliche Vorhaben im Alleingang umzusetzen. NASA-Chef Michael Griffin sieht in der Einbindung der Privatwirtschaft einen Weg aus der Krise der staatliche geförderten Forschung. Wie sehen Sie das?

Ja! Das kann ich mir sehr gut vorstellen. Es bestehen jedoch bereits internationale Kooperationsverträge wie zum Beispiel zwischen der amerikanischen NASA und dem deutschen DLR. Dabei geht es um Austauschprogramme von Experten und Technologien. Ein weiterer Aspekt ist der „Weltalltourismus“. In der Zukunft wird es möglich sein, Reisen ins Weltall zu akzeptablen Preisen anbieten zu können. Es besteht dafür sogar eine entsprechend große Nachfrage. Unsere Herausforderung dabei ist, diese Reisen ökonomisch und sicher genug zu machen.

Das Bild der aufgehenden Erde „Earthrise“ ist ein Meilenstein in der Geschichte der Menschen. Es  gelang uns zum ersten Mal, unser „Zuhause“ von außen zu betrachten. Wird dieser Blick auf die Erde in Zukunft nicht mehr nur das Privileg professioneller Astronauten sein?

Auf jeden Fall! Dieses Bild über den Mondhorizont war ebenfalls der Auslöser der Umweltbewegung, die sich 1986 in der ganzen Welt Verbreitung gefunden hat.

Allerorts sieht man Menschen mit kleinen Geräten, mit denen sich alles um uns herum – ob banal oder erhaben – in Bild und Ton dokumentieren lässt; Die heutigen großen Protestbewegungen in der arabischen Welt sind ohne die breite Nutzung solcher Kommunikationsmöglichkeiten kaum denkbar. Man spricht heutzutage vom „Mitmach-Journalismus“. Können Sie sich vorstellen, künftig „Weltraumjournalisten“ als Forschungsreisende zu betrachten?

Zweifelsfrei! Wir schlugen tatsächlich mehrmals vor, dass Journalisten, Schriftsteller oder sogar Dichter die Chance bekämen, einer solchen Mission beizuwohnen, um eine andere Perspektive zu gewinnen. Leider fanden diese Vorschläge kein Gehör bei der NASA. Übrigens viele der Errungenschaften auf dem Feld der Kommunikation sind Nebenprodukte der Weltraumforschung. Sogar das sehr wichtige, ja essenzielle GPS-System ist ein weiteres Beispiel dafür. Den ersten Test dieses Systems führten wir 1978 in der westlichen ägyptischen Wüste durch.

Warum investieren wir Milliarden in die Erforschung unbekannter Außenwelten statt in die arme, kranke und verschmutzte Welt, auf der wir leben?

Ganz einfach; Diese Forschung und Entwicklungen tragen unermesslich positiv zum ökonomischen Wachstum bei. Vieles was unser Leben auf der Erde einfacher macht, wurde für die Forschung im Weltall entwickelt wie zum Beispiel die Satellitenkommunikation, Faxgeräte, Herz- und Blutmessgeräte, Konservierung von Lebensmitteln durch Wasserentzug oder nicht entflammbare Bekleidung. Die Forschung im Weltall ermöglich es uns ebenfalls neue Wege zu gehen, um wiederum die Erde besser zu verstehen. Was wir heute über unseren Planeten wissen, wäre uns ohne diesen Außenblick auf die Erde nicht zugänglich. Bei der Suche nach lebensnotwendigen Ressourcen auf der Erde ist dieser Außenblick unersetzlich. Die Suche nach Wasser ist durch Fernerkundung viel einfacher und effizienter geworden.

Sie kamen letzten Februar nach Ägypten zurück. Im ganzen Land herrschten in der Zeit Aufruhr und große Protestbewegungen gegen das Regime von Husni Mubarak. Sie trugen ein Entwicklungsprogramm bei sich, an dem Sie bereits seit Jahrzehnten arbeiteten. Es handelt sich dabei um ein vom Süden des Landes bis zum Mittelmeer über 1.200 km langen westlich des Nils liegenden Enticklungskorridor; Er besteht aus einer Autobahn, einer Eisenbahnlinie und einem Versorgungsnetz für Wasser und Strom. Das hört sich so an, als ob Sie einen neuen Nil planen würden?

Die Geschichte Ägypten lehr uns, wie die Bewohner dieser Region dem Nil verbunden sind. Das leben fand und findet seit tausend von Jahren unmittelbar an seinen Gestanden statt. Es war der Weg der Pharaonen, der Verwaltung, der Bevölkerung und der Güter. Der Plan für diesen Korridor darf diese Grundidde nicht außer Acht lassen. Deshalb befindet sich der Korridor immer noch in der Nähe des Nils. frühere Versuche, Menschen zu den Oasen in der westlichen ägyptischen Wüste ziehen zu lassen, scheiterten alle. da die Menschen sich emotional vom Nil als Lebensader nie verabschiedeten. Es gibt immer noch Familien in den vom Nil entfernten Orten, die ihre Verstorbenen zu den Ursprungsdörfen am Nil zurückschicken, damit diese dort ihre letzte Ruhe finden. Der Plan hat die Erweiterung des Lebensraums am Nil und in seinem Delta zum Ziel. Er wird dazu betragen, den fruchtbaren Boden vor dem Übergriff illegaler Bebauung zu schützen. Gleichzeitig öffnet er kontrolliert einen Freiraum für die urbane Entwicklung und schafft Boden für landwirtschaftliche Nutzung, da wo das Grundwasser sich befindet. Zusätzlich erleichtert dieser Plan die Bewegung der Menschen und der Güter zwischen allen Großstädten Ägyptens vom Mittelmeer bis zum Süden des Landes.

Es ist nicht das erste Mal, dass Sie Ihr Projekt der ägyptischen Regierung vorstellen. Dieses Mal lehnten Sie die Direktion des Projekts ab, nachdem es von Seiten der Übergangsregierung zum ersten Mal wirklich ernstgenommen wurde. Wie soll das Projekt nun endlich das Licht der Welt erblicken?

Mubarak und seine Regierungen hatten keine Vision, es fehlte ihnen an Vorstellungskraft. Die heutige Regierung scheint sich mehr für die Zukunft des Landes zu interessieren, als für kurzfristige Lösungen.

Die Kosten eines solchen Vorhabens wären enorm. Sie lägen vermutlich bei etwas 16 Milliarden Euro. Wir könnte Ägypten sich so etwas leisten?

Wie ich vorgeschlagen habe, könnte für das Projekt eine nationale Aktionengesellschaft gegründet werden, an der jeder sich soweit beteiligt, wie er es sich leisten kann. Später könnte man die Finanzierung durch arabische und zuletzt auch internationale Investoren ermöglichen. Dieses Vorhaben ist – langfristig gedacht – ein hoch rentables Projekt.

Die Lange der Umwelt in Ägypten, was den Nil betrifft, ist alarmierend. Wie umweltfreundlich ist Ihr Vorschlag?

Sehr umweltfreundlich! Erstens verhindert das Projekt die Zerstörung der fruchtbaren Böden im Niltal durch illegale Bebauung. Der jährliche Verlust an fruchtbaren Boden durch Bebauung liegt gerade 125.00 km2. Bliebe die Lage wie sie ist, wäre der gesamte fruchtbare Boden in Ägypten in 183 Jahren komplett verschwunden. Zweitens trägt es dazu bei, die überbevölkerte Region des Niltals dadurch zu entlasten, dass der Lebensraum im Niltal Richtung Westen erweitert wird.

Viele Menschen in Baden-Württemberg vor Allem in Stuttgart protestieren seit Monaten gegen ein vergleichbar großes Vorhaben, dass die Region gravierend verändern würde. Das Projekt heißt Stuttgart 21. Es geht um eine Expressbahnlinie, die sich von Budapest im Osten bis Paris im Westen erstreckt. Laut des Plans sollte der Stuttgarter Hauptbahnhof zum Druchgangsbahnhof umgebaut werden. Es sind große Veränderungen nötig, um das Projekt zu realisieren. Es gab sogar Auseinandersetzungen zwischen den Demonstranten und der Polizei, die die Baustellen schützt. Was unternehmen Sie, damit das Projekt kein ähnliches Schicksal erlebt und von der Bevölkerung in Ägypten akzeptiert werden kann?

Kaum etwas! Was ich über das Projekt Stuttgart 21 weiß, erlaubt es mir nicht, ein Urteil zu fällen. Das letzte Mal, dass ich Stuttgart besuchte, war im Jahre 1964. Damals besichtigte ich den Rieskrater zwischen der Schwäbischen und der Fränkischen Alb. Zu meinem Projekt: Ich habe mit anderen Wissenschaftlern jahrzehntelang an dieser Idee gearbeitet und bot es der ägyptischen Bevölkerung als Geschenk an. Ich lehnte sogar die Leitung des Projekts ab und habe keinerlei finanzielle Interessen. Es ist bereits Eigentum der Ägypter. Besonders junge Menschen zeigen großes Interesse, an diesem Projekt teilzunehmen. Sogar Schüler sollten sich einmische. Straßen- und Ortsnamen könnten von ihnen in Wettbewerben ausgesucht werden. Es wurde schon eine Stiftung gegründet, um das Projekt zu betreuen und es existieren bereits sechs Facebook-Seiten, wo vieles diskutiert und koordiniert wird. Dr. Farouk El-Baz, wir bedanken uns herzlich für das Gespräch.

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