Simpel macht süchtig

Autor / Illustration: Manuel Werner, Kristofer Arbeus, Florian Baltz, Axel Teichmann

1989 bringt Nintendo mit dem Gameboy die mobile Spielerevolution auf den Markt. Obwohl Gumpei Yokois graues Kästchen weder das erste noch das technisch beste „Handheld" (tragbare Konsole) ist, wird es durch das mitgelieferte Tetris rekordverdächtige 40 Mio. Mal verkauft. Dieses Puzzlespiel, bei dem man herabfallende Steinchen zusammenfügen muß, stammt interessanterweise nicht aus einem klassischen Land der Unterhaltungsindustrie wie den USA oder Japan, sondern aus dem computertechnischen Entwicklungsland UdSSR. Alexej Patschitnov, Computerspezialist am Computerzentrum der sowjetischen Akademie der Wissenschaften in Moskau, entwickelt 1985 in seiner Freizeit an einem primitiven russischen Electronica60-PC das Spiel, dessen Namen er auf Grund der quadratischen Bausteine vom griechischen tetra (vier) ableitet. Durch das einfache, aber packende Spielprinzip breitet sich Tetris rasch über Ungarn auch in den Westen aus, wo bald heftige Rechtskonflikte über dessen Vermarktung aufflammen, die sich jahrelang hinziehen. Patschitnov selbst zieht keinen wirtschaftlichen Gewinn aus seiner Idee, gibt es doch in der Sowjetunion kein Recht auf geistiges Eigentum. Der Siegeszug von Tetris zeigt, dass man sich in Zeiten von immer besserer Farbdarstellung und Bildschirmauflösung auch noch mit vier Graustufen auf Streichholzschachtelformat begnügt, wenn sich eine durchdachte Spielidee damit verbindet. Dass diese Regel gilt (in Verbindung mit der als Freiheit des modernen Menschen propagierten Mobilität), stellt der finnische Mobiltelefonproduzent Nokia 1997 erneut unter Beweis: Das Snakefieber greift unter den Besitzern der 6100er Handy-Serie um sich. Das Spiel mit der punktefressenden und dadurch wachsenden Schlange stammt aus den 70er Jahren und damit aus einer Zeit, in der man mangels guter Grafik allein durch Spielwitz bestechen konnte. Gleiche Bedingungen wie auf einem Handydisplay also, und die Rechnung dieses ersten Handyspiels geht auf. Heute haben praktisch alle Handys von firmeninternen Entwicklungsteams entworfene Spiele als Serienausstattung. Zusätzlich kann man sich per Anruf neue von diversen Drittanbietern schicken lassen und so ist Nokia inzwischen mit 128 Mio. verkauften Handys indirekt der größte Handheldproduzent weltweit. (Am Rande sei erwähnt, dass es natürlich auch Tetris zum aufs Handy herunterladen gibt).

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