Die Wirklichkeit ist steinhart

Autoren: Myrzik & Jarisch / Fotografie: Myrzik & Jarisch

Im urbanen Durcheinander fallen die Kartons am Straßenrand kaum mehr auf. Die vorübergehend errichteten Behausungen und Schlafstätten Obdachloser in den Zentren der Metropolen sind Zeichen einer sich verändernden Gesellschaft. Beweglichkeit als Überlebensstrategie.

Die 12 Millionen Stadt Tokyo meldete Mitte der 90er Jahre etwa 1.000 Wohnungslose. Heute werden etwa 20.000 Wohnungslose geschätzt, obwohl die Einwohnerzahl nicht wesentlich angestiegen ist.

Die Obdachlosen gehören zu dem Teil der Gesellschaft, der am äußersten Rand von ihr leben muss. Obdachlose in Hongkong beispielsweise sind oft Wanderarbeiter und Tagelöhner aus China – ganz normale Arbeiter – nur ohne Wohnung.

Von staatlicher Seite wird versucht durch Umsiedlung oder schlichter Ignoranz das Problem zu verbannen. Oft entziehen sich Straßenschläfer allerdings auch bewusst der Kontrolle und der öffentlichen Hilfe, um Strafmaßnahmen oder der Umsiedlung aus dem Weg zu gehen.

Obdachlosigkeit ist nicht das Problem einer bestimmten Altersgruppe oder des Geschlechts. In armen Ländern wird man oft in sie hineingeboren.

In Japan, einem Industrieland, betrifft das Problem »Obdachlosigkeit« vorwiegend eine männliche Altersgruppe ab ca. 40 Jahren. Diese Männer sind zum Bauboom der 80er Jahre in die Städte gekommen und mit der Wirtschaftskrise über Nacht arbeitslos geworden. Sie können sich die teuren Städte nicht mehr leisten und müssen auf der Straße leben.

Der Verlust der Wohnung bedeutet für viele Menschen auch dauerhaft sozialen Abstieg. Für die meisten ist es schwer, wieder in ein normales Leben zurückzukehren, wenn sie sich bereits jenseits der Konventionen befinden.

Für die Wahl des Schlafplatzes und die Dauer des Aufenthalts an diesem Ort, gibt es verschie-dene Gründe. Wer einen sicheren Platz zum Schlafen gefunden hat, der wird ihn benutzen, bis er nicht mehr geeignet ist. Die Menschen leben dort, wo sie Essen finden: in den Restaurant-Vierteln beispielsweise, wo das Essen in den Mülltonnen liegt. Andere, die Arbeit haben oder suchen, lassen sich in der Nähe der Baustellen oder Märkte nieder. Mit der Veränderung der Lebensumstände, ändert sich auch der Wohnort.

Die Beweglichkeit bestimmt die Konstruktion der Unterkunft. Die blauen Boxen sind oft mobil, da die Bewohner flexibel sein müssen. Manche werden auch immer wieder neu gebaut.

Je besser der Wohnplatz, desto fester die Behausung – so entstehen Slums. Aber es gibt immer Hierarchien: Die Obdachlosen der Straße sind am stärksten benachteiligt. Sie sind nicht einmal berechtigt, im Slum leben zu dürfen. Sie wurden herausgeworfen, denn oft ist es schon ein Privileg, in dieser sozialen Gemeinschaft wohnen zu dürfen.

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