AKA Achtnsechzig

Autor / Fotografie: Andrea Reksans, Stefa Vollrath

Herr Bernhard, Sie haben ab 1964 freie Malerei und Grafik an der Staatlichen Akademie der bildenden Künste Stuttgart studiert. Sie waren politisch sehr engagiert und sind mit einem Plakatentwurf-,,Alle reden vom Wetter, wir nicht“ -berühmt geworden. Haben Sie auch noch Kontakt zur Akademie?
Ich hatte mal einen Lehrauftrag über Videokunst, das ist aber schon lange her, das war 1980 oder 82. Den einen oder anderen kenne ich noch aus dieser Zeit, deswegen kommt man dann auch ins Gespräch, aber asonsten habe ich seit dieser Zeit eigentlich kaum mehr Kontakt zur Akademie.
Wann haben Sie die Akademie verlassen?
Das war 1970. Dazwischen habe ich ein Volontariat in Paris und später dann beim SDR-Fernsehen gemacht, denn ich wollte nach der Akademie im Filmbereich arbeiten.
Waren Sie als Student im Asta?
Ja, Zwischen 1967 und 68. Ich war zwar nicht Asta-Vorsitzender, aber ich war im Asta. Außerdem war ich Senat Mitglied als Parlamentssprecher der Studenten, also auch Mitglied in einigen Berufungskumissionen und in der neuen Lehrplankomission. Unser Engagemnt ging im Grunde genommen bis zur Auflösung der Studentenbewegung 69 in Verschiedene politische Fraktionen, und es wurde dann auch innerhalb der politischen Fraktionen sehr schwierig, hochschulpolitische Perspektiven zu entwickeln. Da wurden dann ganz spezielle Gruppeninteressen durchgesetzt.
Dann war ich noch am Ende des Studiums Tutor für die Eingangssemester. Das war eigentlich unsere maßgebliche Vorderung damals, mehr oder weniger die Aufnahmeprüfung abzuschaffen. Es war so gedacht, daß sich der Bewerber erst einmal auf einer freiwilligen Basis orientieren konnte, um vielleicht zu erkennen, eigentlich ist das Studium nichts für mich. Wir mußten feststellen, daß viele völlig falsche Vorstellungen von dem hatten, was die Akademie eigentlich ist. Das war damals wie auch heute in gewisserer Weise Utopie und konnte sich in dieser Form nicht realisieren lassen. Wir haben es aber geschafft, daß mindest zwei dieser Eingangssemester stattfanden, die dann durch studentische Tutoren geleitet wurden.
Das war auch die Zeit, als wir Studenten selbst einen eigenen Lehrstuhl für Film und Fernsehen eingerichtet haben, den es vorher an der Akademie nicht gab. Dabei wurden wir auch vom Senat unterstützt. Für diese Lehraufträge konnten wir interessante Leute an die Akademie holen: Harun Farouki und Bitomski, zwei Filmemacher, die schon damals einen Namen als Dokumentarfilmer hatten und heute hauptsächlich für‘ s Fernsehen Features produzieren, und den Kameramann Justus Pankau. Die hatten einen sehr durchdachten Lehrplan, einen sehr guten Unterricht.
Nach vier Semestern wurde das Ganze dann vom Ministerium eingestellt, obwohl wir Gutachten hatten von Leuten wie Alexander Kluge und anderen, die befürwortet hatten, daß an der Akademic ein solcher Lehrstuhl eingerichtet wurde. Im Ministerium war man damals der Meinung, Film und Fernsehen habe nichts mit der Akademie zu tun. Es gab ja damals auch noch keine Filmakademie Baden-Württemberg. Aber man muss sagen, daß der Anfang an der Akademie in Stuttgart gemacht worden ist.
Wie wurde diese Zurücknahme begründet, welche Interessen standen dahinter?
Das Ministerium hatte versucht, die Selbstverwaltung der Studentenschaft abzuschalten. Es gab noch lange Auseinandersetzungen, bis die Sache von allein eingeschlafen ist. Natürlich, je mehr Kompetenzen beschnitten werden, umso weniger Engagement ist bei den Studenten da. Ich nehme auch an, es kam eine Generation nach, die politisch nicht so motiviert war.
Dazu kam natürlich, daß unsere politische Schlagkraft unter der Aufsplittung der Bewegung in verschiedene Fraktionen litt. Es gab Gruppierungen, die mehr DKP orientiert waren, die anderen waren mehr marxistischleninistisch orientiert, in Richtung KPDML. Da gab es natürlich zwangsläufig interne Auseinandersetzungen. Wir hatten im Fernsehen für unseren Lehrstuhl eine sehr günstige 16mm-Ari Kamera geschenkt bekommen, eine Kamera, die ausgemustert worden war. Zum Teil bekamen wir sogar Material vom Fernsehen. Dann ist eines Tages diese Kamera verschwunden. Es stellte sich heraus, daß sie irgendwo bei einer dieser Gruppierungen gelandet war. Die haben gesagt, ihr von der Akademie, ihr seid sowieso bürgerliche Arschlöcher! Wir haben die klare proletarische Perspektive, wir müssen die Kamera dem Klassenkampf zuführen. Das war natürlich eine Riesenschweinerei, denn wir als Studenten hatten diesen Lehrstuhl erkämpft und aufgebaut, und plötzlich verschwindet diese Kamera. Leute wie Kurt Weidemann, die uns unterstützt hatten, waren natürlich stinksauer. Die sagten, jetzt habt ihr eine Kamera, jetzt könntet ihr damit arbeiten, und nun ist das Ding weg. Was wollt ihr denn eigentlich?!
Das waren eindeutige Auflösungsercheinungen, dafür konnte man nicht nur die Akademieleitung verantwortlich machen. Es sind natürlich auch viele andere Dinge passiert. Es ging schon manches drunter und drüber. Ich nehme an, daß vielen der Schreck noch in den Knochen sitzt, so nach dem Motto „um Gottes Willen, diese Zustände wollen wir nicht mehr haben“. Eben das wäre aber falsch, denn es gab auf der anderen Seile sehr klare, durchdachte Aktivitäten.
So wie dieses Plakat „Alle reden vom Wetter...„, das ja auch durch so eine Aktion entstanden ist.
Das war mehr oder weniger eine Einzelaktion. Wir, das waren Klaus Mausner, Herrmann Schmidt, Wolfgang Dienl und ich, wollten an der Akademie eine SDS-Sektion gründen. Wir sind zum damaligen Rektor gegangen und haben gesagt, wir gründen hier einen SDS an der Akademie. Er ist kreidebleich geworden, hat gedacht, jetzt habe seine letzte Stunde geschlagen. „Das verbiete ich Ihnen“, hat er geschrien. „Das können Sie uns garnicht verbieten, wir handeln auf der Grundlage des Grundgesetzes, politische Vereinigungen können sich gründen, wir brauchen es Ihnen eigentlich nur zu melden“. „Dann werde ich Sie relegieren, ich schmeiße Sie raus!“ Solche Reibereien gab es eben am Anfang.
1967 sollte ein Akademiewettbewerb zum Thema „Portrait“ stattfinden. Mein Beitrag sollte ein 3 Meter hoher „Mao“ sein, den ich im Malersaal malte. Mein Professor hatte davon damals gar nichts mitbekommen. Er kam mit einer Kunstkomission des Oberkirchenrats in den Malersaal, sah das Ding da an der Wand, bekam einen roten Kopf und hat die Komission sofort wieder rausbugsiert. Nach vielleicht einer halben Stunde kam er wieder rein, ich war ganz oben am Gerüst und habe noch gemalt, und hat geschrien: „Nee Herr Professor, ich male am Akademiewettbcwcrb!“ „Das ist eine Unverschämtheit!“ „Nein, das ist Thema „Portrait“, etwas aktueller!“ Er hat mich dann tatsächlich aufgrund dieser Aktion aus seiner Klasse geworfen. So bin ich damals zu Hägele und schließlich zu Sonderborg in die Klasse gekommen. Bei einem späteren Wettbewerb um den Akademiepreis 1968 mit einem vorgegebenen Thema, haben wir von Studentenseite beschlossen, das ist doch Schwachsinn, das machen wir nicht. Wir machen eine Ausstellung zum Thema sexuelle Befreiung“! Es wurde eine sehr, sehr chaotische Ausstellung, was vielleicht noch einigen älteren Akademielehrern bekannt sein wird. Solche Sachen waren natürlich schon spektakulär.
Diese Aktion hatte dann wohl auch mehr Popularität, als die orginale Wettbewerbsgeschichte?!
Ja klar.Das Preisgeld ist infolgedessen für zwei oder drei Jahre überhaupt nicht mehr verteilt worden.
Sind die Meinungen der Studenten da nicht auch sehr auseinandergegangen?
Es gab da auf jeden Fall einige, die gesagt haben, damit haben wir nichts zu tun. Ich nehme auch an, dass dieses Preisgeld intern verteilt worden ist. Später hat dann Herr Professor Knepper diese berüchtigten Computer im neuen Ausstellungsaal der Akademie eingelagert, so daß für mehrere Jahre überhaupt keine Ausstellungen mehr gezeigt werden konnten. Das war auch so eine hirnrissige Aktion. Er meinte, die Akademie müsse sich dem Fortschritt stellen und Computer anschaffen und er nehme das jetzt in die Hand. Schließlich hat er dann irgendwo ausgemusterte Computer, damals waren das ja riesige Schränke, bekommen. Der ganze Austellungssaal der Akademie ist vollgestanden mit diesen Monstren. Er hat Tag und Nacht versucht, sie wieder in Gang zu bringen, als sie dann endgültig auf dem Schrott gelandet sind, prozessierte er sogar noch gegen die Akademieleitung und das Ministenum.
Wie war das denn, als die Welle der 68er die Akademie ergriffen hat, vorher wars ja auch nicht besonders politisch.
Das Ganze breitete sich von Berlin über das gesamte Bundesgebiet aus. Die Stuttgarter waren völlig überrumpelt. Wir von der Akademie wollten unten an der Uni in den SDS eintreten. Dort gab es ja schon länger eine Aktion des SDS. Dort hat man uns dann gesagt, nee, nee, die Leute von der Akademie machen keine seriöse politische Arbeit, die wollen wir nicht haben. Deswegen haben wir dann eine eigene Sektion gegründet. Jetzt kommen wir auf die eigentliche Gcschichte mit dem SDS-Plakat: Ende ‚67 waren Asta-Wahlen an der Uni. Also haben die SDSler uns gesagt, ihr Genossen an der Akademie, wir brauchen ein Wahlplakat für die Asta-Wahl, macht uns mal eins. Zur Unterstutzung haben wir uns dann so ein Plakat von der Humanistischen Union gezeigt, auf dem fast alle bedeutenden linken Köpfe und Denker abgebildet waren, von Che Guevara bis Ernst Bloch, Marx, Engels, und so weiter, vielleicht 40, 50 Köpfe. „ So was wollen wir gerne haben.“ Ich habe dann gesagt, ich hielte das ja für völligen Schwachsinn, und wen interessierten diese 50 Köpfe eigentlich? Ich war befreundet mit einem Grafiker, der mit Fotomontagen arbeitete, mit dem ich mich öfter traf. Als ich in sein Atelier kam, flel mir dieses Bundesbahnreklame auf „Alle reden vom Wetter“. Und dann lagen da noch diese Köpfe von Marx, Engels und Lenin. „Menschenskinder,“ habe ich gedacht,“ diese Kombination, das wärs! So montieren wir das jetzt. Aber dann in Rot, mit veränderter Typografie!“ Mit diesem Entwurf ging ich also zum SDS Vorstand. Dort war man total entsetzt. „Um Gottes Willen, so ein Schwachsinn, ein Plagiat! Wir sind uns doch zu fein, einen ärmlichen Spruch der Bundesbahn zu kopieren, wir machen nur Sachen, die von uns kommen.“ Jedenfalls bin ich dann ziemlich frustriert gegangen, das Plakat sollte nicht gedruckt werden, und aus eigener Tasche konnte ich den Druck nicht finanzieren. Wenig später traf ich den Galeristen Müller in einer Kneipe, und erzählte ihm von der ganzen Sache. Nachdem ich ihm meinen Entwurf gezeigt hatte, war er ganz begeistert und meinte: „Hier hast du 500 Mark, jetzt mach‘ das Ding.“ Solche Leute gabs eben auch, die da ganz spontan reagiert haben. Also habe ich auf eigene Faust dieses Plakat realisiert.
Ich bin dann, da hatte der Wahlkampf gerade angefangen, vor die Mensa an der Uni gegangen und habe das Plakat aufgehängt. Es verging keine Stunde, da waren alle 30 Drucke verkauft und zwar an Leute der unterschiedlichsten politischen Richtungen. Auch an RCDS-Leute, die Studenten-Organisation der CDU. Jede Partei hatte damals ihren Hochschulverband. Ich weiß nicht, ob das heute noch so ist.
Ja, der RCDS kandidiert nach wie vor für die Fachschaftsvertreterversammlung.
Die waren sehr stark in Stuttgart, vor allem bei den Ingenieuren. Dann gab es da noch den HB, das waren die Sozialdemokraten. Die SPD hatte sich zuvor vom SDS getrennt, der zu einem unahhänigen Studentenverband wurde. Dann gab es noch den MSB Spartakus der DKP, aber der kam erst später, und kleinere Gruppen wie Marxistische Gruppe und Humanistische Union. Es gab also ein unglaublich breites Spektrum an studentischen politischen Gruppierungen, die sich anfänglich nicht unbedingt bekämpft haben außer den RCDS.
Ich Yerkaufte also alle Plakate. Vom Erlös habe ich es dann gleich in einer 2000er Auflage drucken lassen . Ich dachte, man könnte da vielleicht ein Geschäft draus machen. Das haben wir dann auf eigene Faust auf den Vietnam-Kongress im Februar 68 in Berlin mitgenommen. Von dort hat es sich dann ausgebreitet wie ein Buschfeuer , es war mit eines der populärsten Plakate aus der 68er Zeit geworden. Es war eben zur richtigen Zeit am richtigen Ort, was mindestens so wichtig ist, wie etwas gutes zu machen . Lange Zeit hat auch niemand gewußt, wer das Plakat gemacht hat. Inzwische ist der Orginalentwurf sogar in Bonn im Haus der Geschichte zu sehen.
War dieser Slogan „Alle reden übers Wetter... „ aus der Bahnwerbung damals bekannt?
Die Bahnwerbung war zwar bekannt als Anzeige und als Plakat, aber es war eigeutlich erst die Antiwerbung des Plakates, die den Slogan so richtig popular gemacht hat. Das Plakat erschien in Fachpuplikationen für Grafikdesign, es gab jede Menge Artikel, lnterviews und auch Abdrucke, es ist also im Designbereich und im politischen Hereich viel bekannter geworden als im Kunstbereich, dort hat es nie ine Rolle gespielt. Das Verrückte an der Sache war dann, daß die Agentur, die die Bahn betreut hat, sich bei mir gemeldet hat und mir einen Art Direktor-Posten angeboten hat. Dieses Angebot habe ich natürlich abgelehnt, denn ich wollte Ja nicht für die Werbung arbeiten.
Das Plakat hat ja auch einige interessante Aspekte...
Die Vordergründige Idee war auf jeden Fall die: mit Banalitäten geben wir uns nicht mehr ab. Wir haben was anderes vor als Studentenbewegung. Diese Köpfe waren eben die wichtigen Orientierungen , obwohl ich sagen muß, daß die wenigsten von uns damals Marx und Engels oder Lenin gelesen haben. Es gab verschiedene Komponenten für unser politisches Engagement: zum einen war es ein moralischer Protest gegen den Vietnamkrieg, zum anderen war es natürlich ein Kampf gegen die alten Institutionen. Drittens war es natürlich auch gerichtet gegen die restriktive Politik in der Bundesrepublik, mit Notstandsgesetzen und solchen Dingen.
Es gab also schon eine revolutionäre Perspektive, etwas mit Macht zu verändern und auch mit Gewalt bis zu einem gewissen Punkt?
Wobei ich sagen muß, daß die Geschichte mit der Gewalt sehr differenziert diskutiert wurde, was heute eigentlich nicht mehr so gesehen wird. Später hat sich das ja ganz anders entwickelt und auch pervertiert, aber damals gab es noch ausgesprochen differenzierte Auseinanderstzungen um das Thema „Gewalt“. Auch die Frage, Gewalt gegen Sachen oder gegen Menschen, wurde sehr genau diskutiert und in Strategie und Taktik umgesetzt. Damals, als Rudi Dutschke angeschossen wurde und der SDS und praktisch die gesamte außerparlamentarische Opposition ab Gegenaktion im ganzen Bundesgebiet die Großdruckereien den Springer- Zeitungen besetzt hatte, so daß keine Zeitungen ausgeliefert werden konnten, damals war das eine unglaubliche Tat. Da sind doch einige wichtige Überlegungen gelaufen, die dann später in der Anarchoszene gar keine Rolle mehr spielten. Wir haben gesagt: Gewalt gegen Sachen in Ordnung, aber Menschen dürfen nicht zu Schaden kommen. Wir müssen es eigentlich nur schaffen, diesen Wasserwerfer lahm zulegen! Man darf eben keine Molotow-Cocktails benutzen, sondern muß andere Wege flnden, um sein Ziel zu erreichen. Das ist dann auch geschehen, deswegenn war die Aktion hier in Esslingen in der Druckerei Brechtle erfolgreich. ln anderen Städten dagegen ist es viel härter zugegangen: in Berlin sind Molotow Cocktails geflogen, einiges ist angezündet worden und in Frankfurt sind die gesamten Glasfassaden eingeschmissen worden. ln Stuttgart war es da vergleichsweise ruhig. Der damalige Polizeipräsident hat sogar gesagt: „Ha mit meinen Studen da komm i scho glar.“ Es gab kaum verletzte Polizisten und Demonstranten. Das lag eben an unserer raffinierte Taktik; die Polizei war immer überrascht, was wir uns einfallen ließen.
Gab es in der Professorenschaft Sympathie für Ihr politisches Engagement?
Ja, es gab einig Professoren, die sympathisiert haben. Nicht einverstanden waren sie natürlich mit solchen Auswüchsen und den Sachen, die auf der Straße liefen. Dort, wo wir aber eine sinnvolle Perspektive entwickelt haben - wir waren ja auch in der Lehrplankomission der Akademie. Da waren wir schon geachtet.
Was denken Sie, woran es lag, daß die nachfolgende Generation politisch so desintressiert war?
Ich glaube, Jede Generation orientiert sich an bestimmten Dingen. Nach unserer Generation kam eine Generation, für die ganz andere Werte wichtig waren wie etwa Karirre und Erfolg. Bei uns hat der Inhalt noch eine besondere Rolle gespielt, also warum studieren wir überhaupt und was bringt das etc. Das hat ja dann auch extreme Blüten getrieben, als manche zum Beispiel sagten, wir machen überhaupt keine Kunst mehr. Solche Überlegungen waren in den 70er Jahren an der Akademie ja undenkbar, es war also schon eine Generationsfrage. Diese Haltung bietet eben keine Perspektive für die Gesellschaft. Auch nicht für die Akademie und auch nicht für die Kunst: Wenn ich mir die Kunst heute so ansehen, dann besteht das Kunstleben eigentlich nur aus einzelnen Karrieristen. Es geht gar nicht mehr um die Kunst, um den Inhalt, sondern darum, die eigene Karriere durchzusetzten. Es sind also im Grunde nur Karriereperspektiven. Die Frage ist doch aber, was ist letztendlich an der Kunst dran, wofür Spricht sie?
Wobei sich witzigerweise einige Künstler aus Ihrer Generation heute sehr erfolgeich im Kunstmarkt mitmischen. Ich denke da zum Beispiel an lmmendorff, der damals die »Lidl-Akademie« aus der Taufe gehoben hat und sich ja wirklich in der Bannmeile verhaftet ließ. Er kommt heute groß raus mit dem Spruch „Mein Leitbild war der Egoismus.“ Es ist natüriich schon desillusionierend, zu beobachten, wie sich das auch entwickeln kann.
lmmendorff war einer, der auch in der ML die großen Sprüche gehalten hat. Das ind allerdings Leute gewesen, die sozusagen ihren Egoismus auch in der politischen Bewegung ausgelebt haben, nur eben anders verpackt.
Sie meinten vorher, aus Ihrer heutigen Sicht wären die 68er auch kleine Spinnereien gewesen. Wie sehen Sie die damalige Zeit heute mit etwas Abstand?
Es gab sicherlich damals viele Dinge, die Spaß gemacht haben und mit denen man sich vielleicht auch wichtig machen wollte. Das ist doch normal, das passiert bei jedem jungen Studenten. Der Inhalt hat aber schon eine Rolle gespielt, nur zum Selbstzweck sind solche Aktionen nicht gemacht worden.
Es wurde ja zum ersten mal Ernst gemacht mit diesem avantgardistischen Anspruch, den ja auch jeder Professor vermittelt, im Grunde genommen soll der Künstler ja immer rebellieren.
Für mich war es besonders wichtig, daß man mit anderen gemeinsam etwas erreichen kann, nicht nur allein. Ich glaube, das war an der Akademie besonders extrem, weil der Künstler per se nur an sich und an seine Vorsltellungswelt denkt. Daß es da die Möglichkeit gibt, mit anderen zusammen etwas zu machen, gemeinsam eben auch Kreativität zu entwickeln, war schon neu. Es gibt einen immer breiteren Bereich, wo Kreativität sich gemeinsam mit anderen entwickeln muß. Ob ich jetzt an Film oder Theater denke, es muß in Teams gearbeitet werden. Ein Einzelner kann gar nicht mehr alles gestalten und machen. Wesentlich ist doch, wie diese Teams zusammenarbeiten. Das war damals an der Akademie nicht bekannt, es waren eigentlich immer nur Einzelprojekte. Bestimmte Professoren haben diese Rivalität noch geschürt und meinten, so könnten sie die Leistung der Leute steigern.
Ist von diesen damals entwickelten Gegenstrategien etwas geblieben, sind da noch Freundschaften erhalten?
Diese Zeit hat natürlich Spuren hinterlassen. Auch später, als ich das Künstlerhaus aufgebaut habe, war ein Grundgedanke, etwas für andere zu realisieren, nicht nur für mich. Die Kunst ist heute wieder in einer schlechten Position allen anderen gesellschaftlichen Bereichen gegenüber, obwohl man in den 80er Jahren gedacht hatte, die Kunst habe sich jetzt in ihrer vollen Bedeutung zeigen können, auch die Preise für Kunst sind damals ja noch gut gewesen. Aber man sieht: ist die wirtschaftliche und politische Wetterlage schlecht, dann interessiert die Kultur plötzlich nicht mehr, man braucht sie mehr mehr. Das zeigt im Grunde genommen, daß es die Kunst bis heute noch nicht geschafft hat, die Gesellschaft von ihrer Wichtigkeit und „Produktivkraft“ zu überzeugen. ln allen anderen Bereichen gibt es Verbände, die eine gewisse wirtschaftliche und politische Lobby bilden können, auch wenn es unter den einzelnen Konkurrenz gibt. Das hat die Kunst bis heute noch nicht geschafft, absolut nicht.
Da steht natürlich dieses Bild vom lndividualisten und einsamen Denker dagegen. Aber hat sich direkt an der Akademie aus dieser revolutionären Praxis etwas ergeben?
Ob das nun wirklich eine Veränderung gebracht hat, das weiß ich selbst heute nicht. Aber ich könnte mir vorstellen, daß es ohne diese Bewegung heute keine „Grünen“ gäbe. Viele für uns selbstverständliche Dinge sind damals erst entstanden. Daß sich die Institutionen verändert haben durch diese Bewegung, scheint mir schon einleuchtend zu sein. Aber an Berufsrevolutionäre glaube ich nicht. Ich war damals beim Fernsehen freier Mitarbeiter, da gab es einige, die damals bei der KPDML waren und zu mir gesagt haben, wie kannst du beim Klassenfeind arbeiten, und dann noch in der ideologischen Giftküche! Ich habe gesagt, das ist doch Blödsinn, das gehört genauso zum Leben, wie anderes auch. Wenn ihr sagt, es gibt nur eine revolutionäre Berufsperspektive in der Fabrik, und ihr arbeitet bei Daimler im Rüstungsbetrieb, um den Arbeitern näher zu sein, dann erleidet ihr doppelte Entfremdung, indem ihr eure Fähigkeiten verleugnet und nicht anderen, für die ihr Veränderungen erreichen wollt, einen Dienst erweisen könnt. Mit Dogmatismus kommt man nicht sehr weit.

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