Suchmaschinen Quasselecken und Malt Whisky

Autor: Thomas Haak / Illustration: Christoph Niemann

{ @K@ goes Internet }
Nach gut einem Jahr Vorarbeit wurde Anfang Juli entschieden, die Akademie dem neuen Medium Internet nicht weiter zu verschließen. Denn viele in- und ausländische Partner-Hochschulen publizieren und kommunizieren schon seit geraumer Zeit über dieses Medium, und als aktiver Teilnehmer in diversen europäischen und außereuropäischen Forschungs- und Studienprogrammen kann die Akademie dieser technischen Einrichtung nicht mehr entsagen.

INTERNET versus W3
Jedoch eins vorweg, das Internet ist erheblich mehr als das World Wide Web - oder kurz W3 genannt. Vereinfacht dargestellt. ist das W3 eine Art elektronischer Kiosk, bei dem Informationsanbieter über die technische Einrichtung des Computers nicht nur Texte, sondern auch Töne, bewegte Sequenzen oder Videolabs anbieten können. Der Informationsinteressent kann wiederum über die technische Einrichtung des Computers und einer Telefonleitung diese noch kostenlosen Kioske besuchen und durchschmökern. Die eigentliche Faszination geht dabei von mehreren Aspekten aus. Erstens, es ist weltumspannend. Mit einem Mausklick und wenigen eingegebenen Buchstaben surfen sie mit Lichtgeschwindigkeit von einem amerikanischen Informationsanbieter zu einem australischen oder koreanischen. Zweitens, es ist kostenlos. Abgesehen von den Kosten für die Grundausstattung und den verhältnismäßig niedrigen monatlichen Gebühren stehen ihnen kostenlose Informationen zur Verfügung, die heute m1t den klassischen Techniken nicht mehr zu bezahlen wären. Vermutlich wird in wenigen Jahren das komplette Wissen sämtlicher Bibliotheken und Museen abrufbar sein. Drittens, es strahlt technische Zukunft aus. ln Zeiten, in denen die Wüste und das Ozonloch immer größer, die tropischen Regenwälder und die eßbaren Ressourcen immer kleiner werden, scheint der Mensch einen Großteil seiner Hoffnung auf technische Entwicklungen zu projizieren, die, wenn schon nicht die Rettung, so wenigstens eine Hilfe bieten sollen. Aber ist es schon eine Hilfe, informiert zu sein? Nach den militärischen Anfängen des Internet bemächtigte sich Forschung und Wissenschaft sehr rasch der Möglichkeit weltumspannend, schnell und preiswert mit anderen "Suchenden" in den Erfahrungs- und Meinungsaustausch zu treten. Auf Basis der englischen Sprache entstanden rasch elektronische Foren, in denen über die neuesten Entdeckungen ebenso berichtet wurde, wie jemand zu seinem Problem eine Frage an die ganze Wissenschaftsweit stellen konnte. Es entstanden deshalb sogenannte News- und E-Mail Server an den Universitäten, die diesem Austausch Tag und Nacht zur Verfügung stehen. Somit waren die Universitäten und sonstigen Forschungseinrichtungen wesentlich an dem weltumspannenden Internet beteiligt. Es folgten Firmen und Privatleute die das Internet zum elektronischen Postaustausch [E-Mail] nutzten, bis es letztlich durch zunehmende Kommerzialisierung eine so hohe Leitungsbelastung erfuhr, daß die Wissenschaftsweit an eine Abtrennung in Form eines neuen Internetlabs denkt, das dann seiner ursprünglicher Absicht - Wissen zum Zweck der Hilfe zu IransportLeren - wieder leistungsfähig genug werden soll. Denn die markigen Sprüche vom Daten-Highway und lnformations-Highway widersprechen kraß den technischen Gegebenheiten amerikanischer Telefontechnik und den Möglichkeiten technischer Drittländer.

Von ät's und URL's
Das Informationsangebot explodiert. Was bei den Zeitungen und Zeitschriften begann, setzt sich potenziert im Internet fort. Man schätzt daß gegenwärtig ca. 60 Mio. Internet Nutzer auf über 1 Mio. Server zugreifen dürfen. Dabei ist ein Server (nicht Surfer) ein großer zumindest aber schneller Computer, auf dem der Informationsanbieter sämtliche Informationen zum Abruf bereit hält. Wissenschaftler schätzten kürzlich, daß das Wissen eines Menschen aus dem Mittelalter ungefähr den vergleichbaren Umfang einer heutigen Wochenzeitung umfaßte. Wie werden zukünftige Wissenschaftler dann uns einschätzen? Ist Information gleich Wissen? Um dieses Informationsangebot sinnvoll und nutzbar selektieren zu können, wurden vor einigen Jahren sogenannte "Search-Roboter" oder Suchmaschinen errichtet. Dabei sucht ein Computer selbständig in der für ihn verfügbaren Information nach einem Begriff oder einer Begriffsverknüpfung, die der Internet-Teilnehmer irgendwo in der Welt an ihn gerichtet hat. Die Internet - Suchmaschinen und Serverdienste sind in der ganzen Weit verteilt und tragen so wohlklingende Namen wie Gopher, Archie, Veronica oder Lycos, Yahoo und AltaVista fürs World Wide Web. Dabei verarbeiten die namhaften Server ca 40 Anfragen pro Sekunde. Alle diese Dienste und Server sind in Analogie zu unserer Wohnung oder Firma über Adressen erreichbar. So zieren zunehmend viele Visitenkarten Adressen wie "E-Mail = Thomas_Haak@magicvillage.de" oder .. Informationen sind abrufbar unter http://wwww.apple.com". Dabei wird das Sonderzeichen @" als "ät" gesprochen und eine "URL" ist die http-Adresse einer einzigen Informationsseite im W3 und keine Figur aus der Augsburger Puppenkiste.

über Kunst, Sport und …
Viele tausend andere Themen können Sie in den "Newsgroups" professionell, aus Interesse oder aus Leidenschaft diskutieren. Die Newsgroups sind themenorientiert gegliedert und sind erreichbar über ihre Adressen wie z.B "de.rec.fahrrad" als Diskussionsgruppe über das Fahrradfahren "soc.culture.arabic" als Diskussionsgruppe über arabische Sprache, Geschichte und Kultur oder !sci.virtual-worlds.apps" als Gesprächskreis über die zukünftige Nutzung der virtuellen Technologie. Bei den Newsgroups wird zusätzlich noch unterschieden nach nationalen Gruppen, die in der jeweiliger Landessprache diskutieren oder internationale Gruppen in denen englisch geschrieben wird. Jedoch sind Newsgroups zu unterscheiden von Chatgroups. Bei den Newsgroups handelt es sich um briefliche Textbeiträge die an einer zentralen Stelle und für jedermann zugänglich hinterlegt werden. Bei den Chatgroups handelt es sich um "online" geführte Gesprächsgruppen, die sich willkürlich ergeben können, sofort Rede und Antwort geben und aus vielen Personen bestehen. Allerbeste Schreibmaschinenfertigkeiten sind hier wärmstens zu empfehlen, wenn 6 oder mehr Personen in der ganzen Weit gleichzeitig zu einem Thema Stellung nehmen können.

In Hollywood, bei Otto oder auf den Highlands
Interaktivität - ein junges Schlagwort in der Computertechnik- ist das Ziel für das Internet und speziell für das World Wide Web. Während in Hollywood am interaktiven Kino gearbeitet wird, bei dem der Zuschauer die Handlung beeinflussen darf, werden die Möglichkeiten der virtuellen Realität bald im Internet ihren Niederschlag finden. Einerseits werden Sie nach eigenem Gutdünken von zu Hause aus beliebig durch den Louvre in Paris gehen können, Sie bestellen ein Holzhaus in Finnland und gehen, über 2000 km Distanz, schon mal durch alle Räume, oder Sie ordern in einem Möbelhaus eine Küchenmöblierung, senden Ihren Grundriß per E-Mail hin und sehen Minuten später, bequem am Heimcomputer, alle Aufteilungslösungen, die Ihnen der Computer des Möbellieferanten errechnete! Schon heute könnten sie per E-Cash (elektronischem Geld) einen Großteil an Konsum- und Luxusartikeln über W3 bestellen oder eben halt doch nur einen echten schottischen Malt Whisky. Aber die Adresse verrat ich nur bei einem guten Glas...?

Dienste, Protokolle, Zugangsberechtigungen
Welche Nahziele hat unsere Internet-Installation in der Aka? Neben dem World Wide Web Zugang sollen alle Dienste, die der Informationsbeschaffung dienen, erschlossen werden. Über eine E-Mail Einrichtung muß der Kommunikationsverkehr mit den Partner-Hochschulen und kooperierenden Firmen möglich sein und über ftp-Dienste können kostenfreie Software oder Demo-Applikat1onen beschafft werden. Neben den visuell- gestalterischen Eindrücken der interaktiven Bedienerergonomie und den computertechnischen Grundlagen, muß die kritische Auseinandersetzung mit dem Medium- das vielleicht eines Tages Telefon und Fernsehen ersetzen wird- stattfinden. Denn trotz allen kritischen Anmerkungen zum Internet, die manchmal an die emotionalen Argumente bei der ersten Eisenbahnfahrt von Nümberg nach Fürth erinnern, ist die Erfahrung die Basis für eine kritische Reflexion. Oder? Über einen eigenen Server und einem eigenen Angebot an Information und Präsentation möchten wir im Internet präsent und transparent sein.
Zum Abschluß noch das Technische. Wir werden zur Uni Stuttgart eine ISDN Standleitung erhalten, die zu zwei Servern mit 4 Remote-Zugängen und 2 Vor-Ort Arbeitsplätzen führt. Ein APPLE-Server soll der WebServer sein. Der zweite, ein E-Mail Server mit Remote-Zugängen auf Basis WindowsNT oder LINUX. Die beiden Vor-Ort Arbeitsplätze sind für folgende Aufteilung vorgesehen. Ein Arbeitsplatz für die Studenten und einer für die wissenschaftlichen Mitarbeiter des Hauses. Die 4 Remote-Zugänge über Telefonmodems erlauben die ganztägige Einwahl innerhalb der Akademie, von unseren Aussenstellen oder von geeigneten Heimarbeitsplätzen. Bei Bedarf kann die Anzahl der Remote-Zugänge und die Anzahl der Vor-Ort Plätze erhöht werden. Die Konfiguration gewährleistet auch die spätere Einbindung in das Akademie-Netzwerk, deren Starttermin für 1997/98 zu erwarten ist. Bis zum Umbau der Bibliothek, die als endgültiger Verbleib der 2 Vor-Ort Arbeitsplätze gedacht ist, wird ein temporärer Standort noch genannt. Am Internet teilnehmen dürfen nur Studenten und Angehörige der Akademie, die über einen Account [Zugangsberechtigungl verfügen. der auf 1,5h pro Tag begrenzt ist. Der Account ist teilbar [wenn sich zwei einen Zugang aufteilen wollen] und wird gegen eine geringe - noch festzusetzende Gebühr - zu Semester- beginn für die Dauer eines Semesters erworben. Vor der öffentlichen Freigabe muß ein Probebetrieb stattfinden, der unter äußerst günstigen Bedingungen im November '96 startet. -Da wir keine personellen Reserven mehr haben, sollte die Einführung in die lnternet-Bedienung nach dem Tutorprinzip geschehen. Bei Zugangsinteresse nennt der Studiengang eine[nl Tutor[inl , die von den Systemadministratoren eingelernt werden und die dann ihr Wissen wiederum an Studenten aus dem Fachbereich weitergeben. Der Vollkommenheit halber sei erwähnt, daß der Internet-Zugang eine freiwillige Einrichtung der Akademie ist, auf die auch bei technischen Stönungen oder sonstigem Datenverlust keinerlei Anspruch besteht.

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