Fragen an Joseph Kosuth

Autor: Lukas Betzler, Susanne Kriemann
Fotografie: Lilian Birnbaum, Uwe Seyl, Christine Rampl

Joseph Kosuth ist seit den 60er Jahren ein Hauptvertreter der Concept-Art und trat im Januar 1991 die Nachfolge von K.R.H. Sonderborg, Professor für Malerei an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste an.

Im Frühjahr dieses Jahres fand eine Ausstellung der Klasse Kosuth im Goethehaus New York statt. Aus diesem Anlaß befragten ihn Lukas Setzier und Susanne Kriemann über diese Ausstellung und seine Einstellung zur Akademie.

WIE ENTSTAND DIE IDEE, IN NEW YORK EINE KLASSENAUSSTELLUNG ZU MACHEN UND WAS WAR DAS KONZEPT DER INSTALLATION?
Die Idee kam auf, weil meine Studentinnen und Studenten nach New York auf Klassenfahrt gehen wollten und weil ich dachte, daß es sinnvoll wäre, die Zeit dort zu nutzen, um eine Ausstellung zu machen. Sie erleben die Stadt, wenn sie dort künstlerisch arbeiten ganz anders, als wenn sie dort Urlaub machen würden. Außerdem wollte ich ihnen ein Umfeld bieten, in dem sie über die Unterschiede und Ähnlichkeiten zwischen Stuttgart und New York nachdenken können. Und schließlich hatte ich das Gefühl, daß die Klasse sowohl als Gruppe, als auch als Individuum auf einem Niveau ist, das solch eine Chance verdient. Ich hatte das Glück, alles mit einem Telefonat arrangieren zu können. Das Goethehaus auf der 5th Avenue, gegenüber vom Metropolitan Museum war von meinem Vorschlag ganz begeistert und mit der Unterstützung von Dr. Zeller vom Stuttgarter Institut für Auslandsbeziehungen konnte auch die Finanzierung geregelt werden. Man sieht also, obwohl ich nicht täglich in Stuttgart bin, bin ich in der Lage, meinen Studenten ganz besondere Gelegenheiten zu bieten. Die Installation selbst war das Ergebnis eines Entwicklungsprozesses der Klasse. Wir überdachten es in mehreren Klassenbesprechungen und das Projekt entstand. Natürlich nahm ich Teil an dem Prozess, ich lieferte die Information über die Situation in New York sowie eine gewisse Vorstellung von den Besuchern, die die Ausstellung besuchen würden. Ich repräsentierte sozusagen New York und die Studenten Stuttgart. so daß ein Ergebnis entstand, das von beiden Seiten geprägt war.

II. WELCHE JUNGEN KÜNSTLER SCHÄTZEN SIE GEGENWÄRTIG?
Nun, es gibt Positionen in den Arbeiten vieler Künstler, die mich sehr interessieren, es wären jedoch zu viele Künstler, um sie alle zu nennen, und wenn ich sie alle erwähnen könnte, müßte ich jede/n einzeln/en ausführlich besprechen. Alles andere würde sich nur wie eine Billigung anhören und wäre mir wirklich zu simpel und vereinfachend.

WIE BEURTEILEN SIE DIE DISKREPANZ ZWISCHEN DER INSTALLATION VON NAM JUNE PAIK IM NEUBAU 2 UND DEM STELLENWERT, DER DER MEDIENKUNST AN DER KUNSTAKADEMIE EINGERÄUMT WIRD?
Ich finde, daß die Arbeit gut in das neue Gebäude paßt. Übrigens gefällt mir das neue Gebäude sehr. Welche Vorbehalte ich auch immer gegenüber den Arbeiten von Nam June Paik habe (vielleicht als elektronischer Expressionismus), glaube ich doch, daß diese Arbeit wie ein positives Zeichen oder eine Mahnung daran erinnert, woran die Stuttgarter Akademie krankt: viel zuviele derjenigen Professoren, die lautstark ihre Meinung kundtun bzw. bürokratische Macht besitzen, befinden sich in philosophischer Hinsicht noch im 19. Jahrhundert. Aus solchen Ansichten ergibt sich eine Politik, die den Studenten nicht gut tut, da sie eigentlich eine Ausbildung brauchten, die sie auf das 21. Jahrhundert vorbereitet. Nachdem ich das Verhalten dieser kleinen Gruppe von Konservativen nun einige Jahre beobachtet habe, bin ich zu der Einsicht gelangt, daß sie die akademische Politik dazu nutzen, sich in Szene zu setzen, wahrscheinlich als eine Art Kompensation für die begrenzte Wirkung ihrer eigenen künstlerischen Arbeit. Ich glaube wirklich nicht, daß die Ansichten dieser Professoren repräsentativ sind. Weder für die meisten anderen der Fakultät noch für die Studentinnen. Auf jeden Fall hindern sie die Schule daran relevant zu werden bzw. möglicherweise einflußreich zu sein. Das ist Nam June Paiks Botschaft, eine Arbeit wie aus den 50ern, die hier jedoch radikal erscheint. Vergleicht man sie mit dem, was in den jeweiligen Klassen passiert, oder mit den politischen Zielsetzungen, die durch Senat und Fachgruppe gepeitscht werden. Die Kunstakademie muß endlich aufwachen, sich umsehen und erkennen, daß die Art und Weise, wie Kunst in vielen der Klassen unterrichtet wird, in keinerlei Verhältnis zu dem steht, was in Museen, Galerien und internationalen Ausstellungen wie etwa der Documenta zu sehen ist. Auch müssen die Interessen der Studentinnen endlich wichtiger sein als das selbstzufriedene Beharren einiger Individuen auf der Macht. Wir haben hier so etwas wie einen ästhetischen Schwarzmarkt: Die Student innen müssen sich etwas für ihre Mappe einfallen lassen, nur aufgewärmt (eine Art Baselitz-Steak mit Lüpertz-Soße, um aufgenommen zu werden. Oft hat das überhaupt nichts mit ihrer eigentlichen Arbeit oder ihren Interessen zu tun.

IV. VOM 12. BIS 19. JULI FAND AN DER AKADEMIE EINE JURIERTE MALEREI- UND BILDHAUEREIAUSSTELLUNG STATT. WAS HIELTEN SIE DAVON?
Es gibt Gott sei Dank immer interessante Ausnahmen, aber was wir gesehen haben, bestätigte, was ich gerade angesprochen habe. Die defensive Haltung der Organisatoren betont doch gerade, daß sie sich in einem Zustand der Verleugnung befinden, was die Realität ihrer Position angeht. Bei der Jurierung wichen sie von ihrer Haltung ab, um all den Studenten eins auszuwischen, die sich für eine andere Arbeitsweise entschieden haben, als ihr veraltetes Verständnis von Malerei und Skulptur. Warum werden Studenten mit so einem harten Ausschluß beleidigt? Weshalb fürchtet man sich vor andersartigen Arbeiten, Haltungen und Ideen, weshalb hat man so panische Angst vor einer offengeführten Politik und einer wirklichen Auseinandersetzung mit der Zukunft von Kunst? Ganz genau das ist es, was man ständig an den Entscheidungsprozessen der Akademie-Politik beobacbten kann: Eine Politik, die aus Angst heraus entsteht, und von denen gemacht wird, die im Abseits stehen und nicht auf der Höhe der Zeit sind, kann kaum im Sinne der Studentinnen gemacht werden.

V.GLEICHZEITIG PUBLIZIERTE IHRE KLASSE IM (DAS) IHRE "10 PUNKTE FÜR EINE KUNSTAKADEMIE". SIE WURDEN URSPRÜNGLICH FÜR DIE KUNSTAKADEMIE VON OSLO AUFGESTELLT. WIE WAR DIE DORTIGE REAKTION AUF DEN TEXT UND WIE WAR SIE HIER?
Ich hatte in Oslo im dortigen Museum eine große Ausstellung mit einer Installation, die sehr viel Arbeit beanspruchte. Zehn Studenten der Osloer Akademie erklärten sich bereit, mir zu helfen, und wir arbeiteten für eineinhalb Wochen Tag und Nacht daran. Als sie dann fertiggestellt war, fragten sie mich, ob ich ihnen einen Gefallen tun könnte. Ich bejahte natürlich. Sie erzählten mir, daß ein neuer Bildungsminister eine Rede mit dem Titel "1 0 Punkte für die Akademie" gehalten hätte, in der unter anderem die Rückkehr der traditionellen norwegischen Kunst gefordert hatte. Es war eine jener typischen populistischen Reden, die solche Politiker halten, die keine Ahnung von Kunst haben, in der Hoffnung komptent zu klingen und die große Masse zu befriedigen. Mein Text jedenfalls war eine Alternative zu seinem. Er wurde in der größten Tageszeitung publiziert und hatte eine dringend notwendige Debatte entzündet, die hoffentlich über die rethorische Auseinandersetzung hinausging. Welche Wirkung mein Text hier haben wird, kann ich nicht sagen. Aber von vielen Professoren und Studentinnen weiß ich bereits, daß sie mir zustimmen. Was die übrigen anbelangt, gilt das Übliche: einige würden am liebsten den Verkünder abknallen.

VI.WIE WICHTIG IST DER UNTERRICHT FÜR SIE?
Es ist mir sehr wichtig. Zuerst mal muß ich sagen, daß ich seit meinem 23. Lebensjahr Professor bin, zunächst an der "School of Visual Art" in New York. Der Rektor und Gründer der Schule nahm mich aus meiner Klasse, in der ich Student war und ernannte mich zum Lehrer. Das war in den 60ern. Damals war das ein Skandal, denn viele meiner Lehrer hatten eigentlich meinen Rausschmiß gefordert, denn ich galt als Störenfried. CWeil ich dieselben Fragen stellte, die ich heute hier, ob man es glaubt oder nicht, immer noch stellen muß. Fast 30 Jahre später!) Aber es erschien mir damals wie heute als eine der Pflichten gegenüber dem kreativen Prozess, die institutionalisierte Mittelmäßikeit zu stören. Die Vorschriften einer Kunstakademie darüber, was zu tun und zu lassen sei, um Künstler zu werden, ist die wichtigste Zielscheibe in unserem politischen Kampf um freie Bewußtseinsbildung. Jede Entscheidung, die die Künstlerausbildung betrifft, ist gleichzeitig eine Beschreibung dessen, was Kunst sein soll. Wenn man Leuten erlaubt, hierhin Richtlinien zu setzen, akzeptiert man gleichzeitig eine Verarmung unseres kulturellen Lebens. Historisch betrachtet läuft unser politisches Leben oft in solchen Bahnen. Man darf nicht glauben, was die Konservativen angeblich tun, man muß sich die tatsächliche Wirkung ihrer Taten vor Augen führen.

VII. AN WELCHEN PROJEKTEN ARBEITEN SIE ZUR ZEIT?
Ich bin sehr beschäftigt. Teil meiner Arbeit ist es zu entscheiden, welche Projekte ich annehmen soll. Im allgemeinen nehme ich das Angebot an, das meinen eigenen Gedanken und Vorstellungen am nächsten kommt. Zu allererst möchte ich jedoch betonen, daß ich, wenn ich über Streitfragen der Kunstausbildung nachdenke, im Gegensatz zu vielen, für die das reine Theorie bleibt, auch darüber nachdenke, was ich von meiner Erfahrung als erfolgreicher Künstler gelernt habe, d.h., weltweit in der Öffentlichkeit zu stehen und zu arbeiten und dabei auch noch eine Wirkung zu erreichen. Auf diesen Erfahrungen gründen sich meine Ansichten die ich oben geäußert habe. Jetzt möchte ich aber Ihre Frage beantworten, aber wo soll ich anfangen? Ich arbeite zur Zeit an einem Auftrag für die Amsterdamer Universität, einer zehnteiligen Fassadenarbeit, die an je 10 Universitätsgebäuden im Zentrum von Alt-Amsterdam angebracht werden soll. Im Oktober erhalte ich einen großen Raum in der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf, wo ich eine Installation mache, die sich auf Rene Magritte bezieht. Die Arbeit gehört zu der Rene Magritte-Retrospektive, die vom Montrealer Museum of Fine Artsvaus in verschiedene Museen wandert. Dann im November habe ich eine Ausstellung in der Galerie Yvon Lambert in Paris: zurzeit arbe1te ich an einer Ausstellung, die im Frühling im Sprengel-Museum in Hannover stattfinden soll; ebenfalls im Frühling habe ich eine Ausstellung im M.I.T. in Boston. Und in Europa habe ich gerade große öffentliche Auftragsarbeiten in Lyon, Leipzig und Ulm beendez, bzw. arbeite ich noch an öffentlichen Projekten für Straßburg und Mailand ln aller- jüngster Zeit habe ich an 4 öffentlichen Projekten in Japan gearbeitet sowie an einer Wanderausstellung, die hier durch die Museen ziehen wird. Außerdem habe ich 3 Bücher fertiggestellt, die schon Monate früher fertig sein sollten. Das alles klingt wahrscheinlich wie eine ganze Menge, aber ich habe zwei Ateliers, eins in Europa, eins in New York, außerdem mehrere Assistenten, dann laßt sich das bewerkstelligen. Natürlich bin ich auch ein "workaholic"- das ist doch ganz hilfreich. Eins jedoch ist gewiß: Keine dieser Arbeiten ist mir wichtiger als mein Unterricht an der Kunst- akademie Stuttgart, das stand für mich immer fest, egal wo ich unter- richtete und ich glaube daß meine Ergebnisse das bestätigen können.

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