Autor: Judith Hülsemann / Illustration: Cristoph Niemann

Ein Mann trat heute nachmitlag recht müde und schlecht gelaunt vor seinen Luxus-Allibert, um sich den Hinterkopf zu toupieren. Nach der fachmännischen Einstellung des Replikationswinkels (wobei man einfach zwei der drei geschickt montierten Spiegelhälften seitlich nach vorne klappt) fächerte sich sein Selbst - und eine Armee von Ebenbildern stand in der Dreifaltigkeit des Spiegelglases spalier. Effektvolle Syntesizerklänge begleiteten den Blick des Mannes in seine unendlichen Spiegeltiefen. Die musikalische Untermalung verlieh der Szene die Spannung, Bedeutung und letztendlich vielleicht auch die Konsequenz, welche ohne ihr Anheben ausgeblieben wäre. In Anbetracht seiner übermächtigen Eigenspiegelungen nämlich, fühlte der Mann mit einem Male eine unangenehm kühle Leichtigkeit in der Magengegend, ungefähr so, als hätte er ein Erkältungsmittel verschluckt, das ausdrücklich zur äußerlichen Anwendung bestimmt war. Arme, Beine, Rumpf und Kopf verschwammen, verloren an Kontur, an Dichte, und er war sich nicht sicher, ob es ihm gleich übel werden würde oder nicht. Seine Augen zuckten, die Kopfhaut kräuselte sich, als hätte er Spinnwasser getrunken. Nervös flatterten die Blicke über den Spiegel, doch fanden sie keinen Halt und rutschten wieder und wieder an der lächelnden, gläsernen Kälte des schicken Badezimmermöbels ab. Der Mann war' kurz vorm Überschnappen. Unzählige Spiegelfratzen glotzten ihn an, äfften ihn nach, ha, ha. Da fühlte er sich ganz schön verspottet, und ihm fiel nichts besseres ein, als eine beleidigte Flappe zu ziehen.
Der arme Tropf. Durch seinen Körper spannte sich ein erschöpftes, ratloses Sehnen nach der Gesellschaft der anderen. Einer von ihnen, auf der anderen Seite, wollte er sein. Nicht länger kalte, schwitzende Füße mit einer vom Haarspray ruinierten, lächerlich aufgetakelten Frisur. Apropos, so dachte der Mann sich noch, vielleicht hat ja das viele Haarspray mir derart die Sinne verdreht?
Doch ehe er Gelegenheit hatte, diesen Gedanken fortzusetzten, rührte sich etwas ziemlich weit hinten in der, vom Betrachter aus, linken Spiegelreihe. Einer der Kerle hatte sich aus der Menge der zwielichtigen Imitationen gelöst und steuerte selbstbewußt auf den Mann, jenseits des Spiegelglases, zu.
Es handelte sich um den eindeutig attraktivsten der Brüder, mit einer anzüglichen, stark hüftbetonten Art zu Gehen. Er war schon ein sehr schmieriger Typ mit einer sehr schmierigen Visage. Wie ein hungriger Zeck hatte er lange und geduldig auf eben diese Gelegenheit gewartet, und so trat er nun auf den Guten zu, beugte sich zu ihm herüber und raunte ihm etwas ins Ohr. Ganz nah kam er, ohne Rücksicht auf Intimsphäre. Der Mann hickste, wie ein blödes Mädchen und wurde zu allem Überfluß auch noch rot, als der andere ganz aunvertraulich tat und ihm, wie beiläufig, das Ohr ein wenig bespeichelte. Überhaupt ein starkes Stück, ob mit Absicht oder ohne. Dabei lächelte er auch noch. Aber, unter uns, es war kein höfliches Lächeln, sondern eines von der Art, bei dem die Spucke ganz leise und fies im Mund schnalzt. Einfach widerlich.
Was er genau sagte war schwer zu verstehen, und der Mann verstand es auch nicht. Dem geheimnisvollen, fremden Klang nach zu urteilen, mußte es sich dabei um eine irgendwie altertümliche Sprache handeln, eine, derer heutzutage die wenigsten Leute noch mächtig sind. Bei einer sehr viel besseren Allgemeinbildung jedenfalls, hätte der Mann sich über das, was nun folgen sollte, nicht so künstlich aufgeregt und sich stattdessen selbst zusammenreimen können, daß der andere vorhatte, ihn zu küssen.
Er empfing den Kuß - und dann kam Bewegung in den Laden: Denn auf dieses geheime Zeichen hin strömte plötzlich eine nicht enden wollende, sich ständig verdoppelndunddreifachende Unzahl an Doppelgängern an die Innenseite des Spiegels und legten ihre Hände an den Mann. Dieser reagierte unter den Umständen verständlicherweise hysterisch, kicherte albern und hektisch, doch die schlimmen Grobiane ließ das gänzlich kalt. Sie griffen und zogen ihn aus dem Badezimmer durch den Spiegel hindurch zu sich herüber. Dabei waren sie nicht zimperlich. Ein paar blaue Flecke und harmlose Schürfwunden galt es schon wegzustecken.
Da war ein Riesentumult im Gange, eine Massenszene, die jedem, der Geschmack dran hat, das Herz höher schlagen ließe. Begleitet von rasanten, nie dagewesenen Tanzsequenzen und akrobatischen Einlagen zerrten sie unseren mittlerweile stark mitgenommenen Freund mit sich und tanzten, unter der strengen Einhaltung einer ausgeklügelten Choeographie, wie wild um ihn herum.
Der Mann, das muß man leider sagen, gab zwischen verdammt sexy wirkenden Truppe eine verflucht armseelige Figur ab. Und dennoch: Die Szene hatte Spannung, die Szene hatte Dichte. Auch weil sie allesamt genau gleich aussahen, nicht nur auf ähnlich getrimmt, nein, sie glichen einander tatsächlich, wie ein Ei dem anderen, bis ins letzte, peinlichste Detail. Eine Verfilmung dieser Geschichte würde von daher wohl Unmengen an Geld für technisch hochkomplizierte Spezialeffekte verschlingen. Doch darum scherte sich hier niemand.
Die Meute zerrte den völlig überforderten Schwächling also in ihre Reihen, worauf der Mann, dort angekommen, unvermittelt einen erleichterten Seufzer ausstieß, dann doch ziemlich froh aus der Sache raus zu sein und ein kuscheliges Plätzchen zum Rumlümmeln gefunden zu haben. Zwischen seinen Ebenbildern war er nun mit bloßem Auge unmöglich auszumachen. (Was weiter aus ihm wurde, ist schwer zu sagen, und ehrlich gesagt interessiert es die Geschichte auch nicht. Sie hat die ewige Gefühlsduselei um Verlierer nämlich schon lange satt.)
Der Neue unterdessen amüsierte sich bereits prächtig. Er hatte noch immer dieses obzöne Grinsen im Gesicht, war längst aus dem Spiegel herausgeklettert und lauschte im Moment voller Genuß dem feuchten Quietschen, das die Badematte unter seinen nackten Zehen verursachte. Da stand er nun vor seinem Luxus-Allibert und fühlte sich mit einem Male einzigartig. Er beschloß sich noch heute abend fortzupflanzen und von diesem Gedanken sanft beflügelt, brachte er beschwingt und gut gelaunt seinen Hinterkopf in Ordnung.

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