Autorin: Judtih Hülsmann
Illustration: Sylvia Neuner

Ich hatte einen Pudel. Pi-Pa-Pudel. Königspudel. Ein elegantes Vieh - ganz ungelogen. In der ganzen Stadt, in jeder heißen Flüsterkneipe wurde er voller Respekt "der Marquis" genannt. Wow.
  Es mußte eine Höllendisziplin gekostet haben, sich diesen Namen zu erarbeiten , denn- "der Marquis" war in Wirklichkeit nicht mehr als eine gewöhnliche Promenadenmischung, ein verlauster komischer Straßenköter, der sich bloß wie ein Königspudel frisierte und obendrein auch ganz anders hieß.
  Eigentlich wollte ich nicht sofort damit herausrücken und die Pointe vorwegnehmen. Aber ich wäre sonst geplatzt.
  Ich habe das Luder nämlich im Badezimmer erwischt. In einem Moment, in dem es sich unbeobachtet fühlte. An einem Samstag oder Sonntag nachmittag muß das gewesen sein. Ich war früher als erwartet vom Einkaufen zurückgekommen - es war also Samstag, richtig. Schnell verstaute ich die vollen Einkaufstüten in der Küche und war ganz aufgeregt denn ich hatte mir vorgenommen eine gefüllte Windbeutelpyramide zu zaubern. Schon mal davon gehört? Ein echter Leckerbissen hatte ich mir sagen lassen. Jawohl, und mein Pudel war ein Gourmet.
  Weiß nicht, warum er mein Kommen nicht bemerkt hatte, denn ich ging weder auf Zehenspitzen noch in Strümpfen.
  Jedenfalls fiel mein Blick durch die halbgeöffnete Badezimmertüre:
  Da stand er im aladingelben Morgenrock vor dem Allibert und fuchtelte gekonnt mit Toupierkamm und Rundbürste herum. Seine Pfoten tapsten nervös über die Fliesen. Er hatte seine Toilette noch nicht ganz abgeschlossen. Streng genommen war er noch grob zerzaust - und da begriffich plötzlich:
  Dieser Bastard mogelte sich zum Luxuspudel hin. Meine Güte. Er toupierte sich das kunstvoll gestutzte Fell und versprühte dabei Unmengen von Haarspray - von meinem Haarspray, wohlgemerkt. Natürlich hätte ich schon viel früher daraufkommen können. Aber ich hatte ja nicht nachgedacht.
  Den ehrgeizigen Blick mit dem er sich selbst im Spiegel betrachtete erwiderte ein angestrengter trauriger Frisurenklown, ein Visagenkasper. Ich erschrak fürchterlich. Mein Leben raste in Bruchteilen von Sekunden an mir vorbei... Nein, stop, das war zu dick aufgetragen...
  Aber nichts desto trotz fragte ich mich in diesem Moment ernsthaft, warum er das wohl tat? Die Rasur, die Frisur- Hatte er sich von irgendwelchen schicken Modejournalen verführen lassen? Und wenn ja, wann laß er die nur?
  Jetzt hatte ich all das Zeug für den Hundekuchen gekauft: Das Mehl, die Butter, den Zucker, fünf Blatt weiße Gelatine, Zartbitterschokolade, Rosinen, Aprikosenkonfitüre, zehn bunte Marzipanrosen samt Blättern und Eier. Letztere schlug ich mir zu einem knusprigen Imbiß in die Pfanne.
  Dann ging ich auf mein Zimmer, um nachzudenken: Seit wann betreiben Hunde Scharlartanerie? Wie hatte er den Schwindel solange aufrecht erhalten? Selbst mich hatte er getäuscht. Selbst mich, verdammt. Warum habe ich ihn mir überhaupt angeschafft? Was soll ich sagen? Ich frage mich das oft. Denn ich tauge ja gar nicht zur Hundehalterin. Ich dachte wohl, es täte mir ganz gut mich durch ihn öfter mal zu einem Flaniergang aufzuraffen. Sein Fell glänzte in der Sonne wie verrückt. Er war so wunderschön. Aber- Dackel haben bekanntlich kurze Beine. Und lästige Hundehaare im Bett wiegen das bißchen Bewegungauch nicht auf. Aber die Frisur, ja, die Frisur stand ihm.
  Anfangs verstanden wir uns wirklich gut. Wir hatten gemeinsam einige schräge Kunststücke einstudiert. Dazu kniete er sich zum Beispiel auf einen Hocker und riß ganz wild und gefährlieh das Maul auf. Das hatten wir vorher so abgemacht und es sah dann auch wirklich echt aus. Meine Aufgabe war es nun, den Kopf ganz tief in seinen Rachen zu stecken. Dabei stand ich als furchtlose Krankenschwester verkleidet auf einem Bein und sang ein Lied, das jeder kennt. Mit dem Kopf im Maul hörte sich dann natürlich vollkommen bescheuert an, aber, mein Gott, ich lachte mich jedesmal halb kaputt. Eine Irrsinnsnummer mit der wir auf jeder Party glänzten. Doch als ich merkte, daß er keine andere Möglichkeit mehr wußte sich mit mir zu beschäftigen als diese, fiel mir eines Tages das Lachen in seinen Schlund. Und er, er schluckte es ungerührt herunter. Das nahm ich ihm sehr übel, denn man hätte ja ein bißcben besser aufpassen können...
  Keine Frage, er sah wirklich gut aus. Die Frisur stand ihm aber für einen Hund war er emfach fürchterlich nach außen orientiert. Wenn ich ihm das vorwarf legte er den Kopf schräg, strahlte über das ganze zuckersüße Susi und Strolchgesicht, dann schüttelte er den Kopf, aber nur um seine Frisur zu lockern. Ja genau, er tat so, als hätte ich ihm ein besonders dickes Kompliment ausgesprochen.
  Mein supersüßer Puddingpudel schämte sich nie. Er laß keine Bücher und er tanzte nicht, denn er war ja schließlich ein Hund und das nannte er auch als Grund daftir, daß er immer höher springen wollte als alle anderen. Und so zitierte er "Faust". Da gab er sich ganz selbstbewußt: "Das also war des Pudels Kern" zitierte er. Eigentlich kaum zu glauben. Dabei bekam er eine ganz hohe und aufgeregte Pinscherpudelstimme "Das also war des Pudels Kern - hatschi" und blickte hektisch in die Runde, bettelte um Leckerli. Er hatte dieses Zitat wohl irgendwo aufgeschnappt. Schnipp-schapp-aufgeschnappt- Leckerli! und fand es witzig. lch glaube natürlich vielmehr, er nahm es todernst, aber ich kann das nicht beweisen. Er machte jedenfalls einen Riesenzirkus um dieses Sprüchlein und ich frage mich noch heute, was die Worte für ihn wohl bedeuteten? Denn mal im Ernst, das kann doch kein Zufall sein. "Das also war des Pudels Kern" wäre doch einfach zu gut. Das trifft es nämlich haargenau. Man könnte fast meinen, ich hätte ihm den Satz aus erzähltechnischen Gründen in den Mund gelegt. Ein Verdacht, den ich mit Nachdruck von mir weisen möchte. lch will niemanden für dumm verkaufen und bin auch nicht von gestern: jeder weiß eigentlich, daß Hunde gar nicht sprechen können.
  Jedenfalls brachte auch er so einiges durcheinander. Aber niemand um ihn herum bemerkte es oder scherte sich darum. Sie lachten anerkennend über solch vermeintlich kluge und amüsante Bemerkungen. Die fanden ihn gut. Hübsche Mädchen streichelten ihn bereitwillig, für viele war er die große Liebe. Jeder wollte sein Freund sein und sie liehen ihm Geld. Sogar richtig hohe Beträge. Goethe verleiht offensichtlich Seriosität. Was soll ich sagen? Für den Köter lief jedenfalls alles wie geschmiert. Mir kam das alles manchmal beinahe vor wie eine Verschwörung. Eine unheimliche Pudelpuppenverschwörung. Ich bekam es mitunter wirklich mit der Angst zu tun. Nachts schlief ich schlecht, träumte wie ein wildes Tier grrr und schwitzte als wäre ich über einer Makabros Hörspielkassette eingeschlafen.
  Von wegen Königspudel, von wegen "Marquis". Heimlich nannte ich ihn bei ganz anderen Namen. Er war ein Lutscher und wenn er aus dem Regen kam roch er doof. Heute weiß ich warum, denn die Ausdünstungen eines Straßenköters kriechen am Ende eben doch durch nasses Pudelfell hindurch. Haar spray vermischt sich mit Kötertalg. Es fiel mir schwer meinen Ekel zu verbergen, aber das erregte bloß seine Aufmerksamkeit. Seine Krallen scharrten hektisch über den Boden und er schnupperte an mir. Ich mag das eigentlich. Ich bin nicht zickig oder verklemmt, wenn ihr das glaubt. Aber er tat das so fies, so demonstrativ. So, als wolle er sich oder Gott-weiß-wem beweisen, daß er sich auf seinen Instinkt verlassen kann. Was natürlich pure Einbildung und allein deswegen vollkommen lächerlich war. Wir paßten nicht zusammen. Seine Sinnesorgane waren nicht gerade zum Angeben gut ausgebildet. Dafür habe ich Beweise, aber die behalte ich für mich. lch will keine Schlammschlacht.
  Er schmatzt, er schleckt, er schnarcht, seine Leftzen beben, seine Augen schmieren, die Nase tropft -"der Marquis" von wegen- er haart und wenn er aus dem Regen kommt riecht er, wie gesagt, doof.
  Er bespeichelte regelmäßig meine weißen Slipper. Und ich mag den Geruch von Spucke nicht. Hundespucke. Pettingpudel Uah. Sein Höllenrotz auf meinen weißen Unschuldsslippern. Er knurrte zufrieden.
  Ich ging ins Schwimmbad - allein. Ich hatte in Filmen gesehen, daß Frauen das in Krisen tun. Doch auch all das gechlorte Wasser nutzte nichts. Ich roch nach Hund- nach wie vor.
  Gefährlich war er in dem Sinne nicht. Seinen Maulkorb trug er also nur als Schmuck. Er hatte sich ihn selbst in irgendeiner Boutique gekauft. Ich dachte, ich sehe nicht richtig. Er trug dieses Dingwohl um damit den Eindruck animalischer Unbezähmbarkeit zu erzielen. Aber er ist kein Tier. Er ist ein Pudel. Die mißratene Symbiose zwischen Wolf und Schaf. Sein Maulkorb war mit ungewöhnlichen und vor allem teuren Zeichen und Unisex-Ornamenten versehen. Ein rich tigerjauler-Das weckt auf wundersame Weise Erinnerungen an diese dämliche Windbeuteltorte. Bis heute würde es mich interessieren, wie sowas eigentlich schmeckt. Mit seinem wilden kranken Look raubte er mir jedenfalls nicht den Atem, sondern höchstens den letzten Nerv. Aber zurück zu Samstag nachmittag. Ihr wollt wissen welche Konsequenzen ich aus meinem badezimmerlichen Einblick zog? Nun, wie gesagt, ich machte ihm keine Szene. Ich zog leise die Badezimmertüre hinter mir zu, dann aß ich und packte den Rest meiner Einkäufe ganz weit nach hinten in den Vorratsschrank und ließ einige Tage verstreichen.
  Dann begann ich nachzudenken und als ich zuende gedacht hatte, beschloß ich ihn loszuwerden. So fuhr ich mit ihm zu einer Autobahnraststätte. Ich brachte ihm einige kleinere Wunden bei. Nichts von Bedeutung. Er zog eine Grimasse. Dann jaulte er ein bißchen herzzerreißend, denn schließlich hatte er sich bereits an mich gewöhnt.
  Und auch wenn meine Geschichte dem ein oder anderen etwas gewollt erscheinen wird, befremdlich auch und aggressiv. Sicher, sicher, das kann ich verstehen. So oder ähnlich würde auch ich reagieren, wenn ich es nicht besser wüßte. Aber ihr müßt mir glauben, ich weiß es besser. Schließlich habe ich alles genauso erlebt. Ich schwöre. Außer das mit der Autobahnraststätte natürlich. Alles übrige aber schon, und will ich nicht eure Hündin sein.
  Ki-ka-keine Lust. Wauwau. Extrawurst-Pinscher.

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