Sammelsurium an Sammlern

Fotografie / Text: Alexa Gladyschuk & Vivian Reiff

#1 — DENISE

Jeder kennt jemanden, der eine Neigung dazu hat, Dinge anzuhäufen, die früher oder später in einer Sammlung enden. Sei es die Oma mit den Engeln oder die Actionfigur- en vom kleinen Bruder. Und wir haben sie gefunden: vier außergewöhnliche Samm- lungen, vier außergewöhnliche Menschen. Sie haben uns zu sich nach Hause eingeladen, ihre gesammelten Schätze präsentiert und die Geschichte dahinter verraten. Sie werden in der Kolumne „Sammelsurium an Sammlern“ nacheinander vorgestellt.

11:30, Bad Canstatt: Wir machen uns auf den Weg zu Denise Madsack, 33 Jahre alt, einer Restauratorin für Moderenes und zeitgenössische Kunst und Kulturgut. In einer Email teilte Sie uns bereits mit, dass Sie eine kleine Sammlung an Kunststoffstücken besitzt - sei es ein Panton Chair aus den 1960ern oder eine zeitgenössische Skulptur aus Polyesterharz. Unser Interesse war geweckt, auch wenn wir uns nicht genau vorstellen konnten, was uns genau erwarten würde. Wie vereinbart kommen wir in ihrem Atelier an, in dem Sie einige ihrer Schätze schon bereitgestellt hat. Auf einem Tisch sehen wir kleine, bunte Figürchen und Gläschen, 35 an der Zahl, die auf den ersten Blick ihre Gemeinsamkeiten nicht verraten. Auch vom Umfang macht uns diese Sammlung einen sehr übersichtlichen Eindruck. Später erfahren wir, dass sie noch einige weitere Gegenstände an anderen Orten aufbewahrt. Gespannt, mehr zu erfahren, setzen wir uns mit Denise zusammen und fragen ihr Löcher in den Bauch. Wieso, weshalb, warum? Mit einer ruhigen Gelassenheit fängt Sie an, von ihren Geschichten zu erzählen:
  Da sie, wie bereits erwähnt, Restauratorin für Modernes und zeitgenössische Kunst und Kulturgut ist, hat sie von Grund auf ein großes Interesse an Kunststoffen und dem chemischem Aufbau dieser — wie sie altern und sich dabei verändern. Da sie von sich selbst sagt, dass sie kein lebendes Analysegerät sei, fing es damit an, dass sich Kunststoffteilchen bei ihr ansammelten, die sie als Probematerial für ihre Arbeit verwendet hat. Dabei ist für die Restaurierung natürlich wichtig, das Probematerial aus entsprechenden Jahrzehnten zu benutzen. Um diese zu finden, begibt sie sich ab und an in das Fairkaufhaus in Bad Canstatt oder auf Flohmärkte.Daraufhin möchten wir wissen, ob es sich dementsprechend bei ihrer Sammlung rein um einen Nutzen für ihre Arbeit handelt oder ob noch mehr dahinter steckt. Durchaus geht es Denise tatsächlich auch um die Geschichte und die interessanten Alterungsphänomene, die sie zufällig in den Gegenständen findet. Es bereitet ihr Freude, Sachen zu finden, die nicht im klassischen Sinne perfekt sind. Natürlich wollen wir an dieser Stelle auch von ihr wissen, ob sie denn auch einen Lieblingsgegenstand besitzt. Einen Lieblingsgegenstand hat sie nicht, jedoch einen, der besondere Erinnerungen in ihr weckt. Hierbei handelt es sich um ein Stück Acrylglas, welches Sie auf Korsika in einem alten Haus entdeckt hat. Sie vermutet, dass es sich bei dem Haus um ein ehemaliges Olivenpresswerk handelt. Zwischen verrosteten Maschinen fand Sie das besag- te Kunststoffstück in einer bestimmten Form, das als Probematerial für Witterungstests hergestellt wurde. Absurd. An solch einem Ort – der in keinster Weise, den Anschein macht etwas mit Kunststoff zu tun zu haben – so ein Teilchen zu finden. Vielleicht ist es also genau dieser skurille Fund, der es zu etwas Besonderem macht. An dieser Stelle fragen wir uns natürlich auch, wie es zu dieser durchaus ungewöhnlichen Sammlung gekommen ist.
  Vor zehn Jahren fing es aus instinktiven aber dennoch unbewussten Kaufentscheidungen während ihres Studiums an, sich immer mehr zu einer bewussten Sammlung zu entwickeln. Seit 2014 ist Denise aktiver auf der Suche nach Besonderheiten. Ausschlaggebend dafür war ein ehemaliges Museumsobjekt, welches beschädigt war. Ein Brillengestell aus Cellulosenitrat. Fun Fact: Einer der ersten Kunststoffe überhaupt und gleichzeitig einer der schlimmsten. Das kennt man so von den 35mm Kinofilmen, über welche man gesagt hat, die würden im Projektor explodieren. In diesem Fall besteht die Besonderheit des Cellulosenitrats darin, dass dieses mit der Zeit anfängt, einen besonders starken Geruch zu entwickeln und zu zerfallen. Mit dem Satz „Sie stehen doch so auf Materialien“ übergab die Museumsdirektorin Denise ein Stückchen davon. Das war der Grundstein für die Geruchsbibliothek von Denise. Somit erklären sich auch die vielen Gläschen mit verschiedensten Kunststoffstückchen in ihrer Sammlung. Das kann man sich so vorstellen: Sie packt bröselnde Schaumstoffe und vergilbte Kautschukteile in Gläser, versieht diese mit „Einweckdatum“ und lagert sie als Referenzen und Langzeitstudien bei ihr in der Werkstatt.
  Diese Bibliothek hat uns neugierig gemacht. Tatsächlich – auch wir stellen fest, dass Kunststoffe bei ihrer Alterung einen Eigengeruch entwickeln. Verrückt. Üblicherweise machen Menschen Dinge wie Marmelade ein, Denise beweist, dass man tatsächlich selbst Kunststoff in Gläschen einmachen kann. Ebenfalls teilt Sie uns mit, dass sie sich gerne damit beschäftigt, Kunststoffe ohne ein kunsttechnologisches Labor zu erkennen. Es ist für sie keine Wissenschaft, vielmehr entsteht es aus einer empirischen Herangehensweise. Diese führt dazu, dass an erster Stelle aus ihrer Freude an besonderen Kunststoffen, aufschlussreiche Beobachtungen entstehen, die für sie von Nutzen sind. „Da ist die Plaste-Frau, das ist was für die“ ist ein Satz, der Denise’ Freunden oftmals in den Sinn kommt, wenn sie durch die Gegend laufen. So auch, als eine Freundin ihr letztes Jahr eine englische Ken-Puppe geschenkt hat, die uns von Anfang an ins Auge gestochen ist. Dieser Gegenstand ist mitunter auch einer der wenigen, der auf den ersten Blick zu erkennen gibt, was er letztendlich für ein Gegenstand ist.Bei anderen Objekten war das Ganze schwieriger. Eine durchsichtige Folie mit blauem Schaumstoffrand zum Beispiel war für uns zuerst undefinierbar. Später stellt sich heraus, dass Denise ihre Schätze sogar beim Zahnarzt findet: Es handelt sich nämlich um eine Schutzbrille für Patienten. Die Ken-Puppe war allerdings nicht das einzige Spielzeug in Denise’ Sammlung. Wir entdecken kleine, bunte Spielfigürchen, die teilweise im 3D-Druckverfahren entstanden sind. Ein Verfahren, welches sie als Quelle für ihre Sammlung nutzen kann. Um uns auch ein besseres Verständnis für Alterungsprozesse des Kunststoffes zu vermitteln, zeigt uns Denise zwei Plastiklöffel eines Salatbestecks, an welchem sich tatsächlich auch noch in Preisschild befindet. Diese hat Sie in ihrem Fairkaufhaus ergattert. Völlig entfremdet vom eigentlichen Nutzen, sprachen Denise die kleinen Risse im Material an. Sie erklärt uns, dass diese entstehen, wenn gewisse Kunststoffe in Geschirrspülmaschinen unter Einwirkung von Druck, Hitze, Wasser und Seife gewaschen werden. Noch nie – außer in diesem Moment – haben wir Salatbesteck unter solch einem außergewöhnlichen Aspekt betrachtet. Nur durch das interessante Gespräch mit Denise hat sich für uns eine neue Perspektive eröffnet, in der wir eine ganz andere Sichtweise auf Kunststoff erhalten haben. Wir haben nicht damit gerechnet, wie spannend der Grundgedanke ihrer Sammlung ist. Zumindest konnten wir uns anfangs nicht ausmalen, was sich hinter einer Kunststoffsammlung tatsächlich verbirgt. Zwar meint Denise, kein klares Konzept für ihre Sammlung zu haben, grundsätzlich entsteht es aber daraus, dass die Gegenstände für sie einen nicht monetären, dennoch materiellen Wert haben. Nicht zu vergessen: Es entwickelt sich zusätzlich auf natürliche Art und Weise ein emotionaler Wert. Es geht Denise dabei nicht darum, möglichst alle Kunststoffstücke der Welt zu besitzen, sondern vielmehr um die Auswahl besonderer. Das erklärt vielleicht, weshalb uns ihre Sammlung so erfrischend vorkommt – da man klar erkennt, dass sie nicht aus der Intention, viel zu besitzen, entstanden ist. Jetzt stellt sich nur noch die Frage, ob für Denise die Sammlung jemals vollendet ist? Das ist für sie eine recht eindeutige Sache: Sie kann sich nicht vorstellen, dass das Interesse daran irgendwann mal abreißt. Im Gegenteil – sie kann sich gut vorstellen, neue Interessen zu entwickeln, die wieder in einer Sammlung enden könnten.
  Nach diesem interessanten Austausch haben wir uns die Gegenstände der Sammlung nochmals genauer angeschaut und versucht, sie ihrer Geschichte gemäß abzulichten. Dabei besonders ansprechend fanden wir letztendlich die Löffel des Salatbestecks, da sie genau aufgrund ihrer Unperfektion eine Ästhetik schaffen, die Denise unter anderem an Kunststoff so fasziniert.
  Wir freuen uns, dass wir Denise begegnen durften und sind gespannt, was uns bei den weiteren Treffen mit den anderen Sammlern erwarten wird. Wir möchten uns bei Denise für ihre Offenheit und Bereitschaft, uns Einblicke in ihre spannende Sammlung zu geben, bedanken. Damit hat sie unserer Vorstellung von Kunststoff ein ganz neues Bild geschaffen und wir haben das Material auf eine ganz neue Sichtweise zu betrachten gelernt.



#2 — HELMUT

Helmuts Sand-Sammlung ist einzigartig. Denn er beweist, dass man Erinnerungen nicht nur in einem Fotoalbum festhalten kann, son- dern selbst so eine abstrakte Sache wie Sand als Emotions- und Erinnerungsträger dienen kann.

10:15, Offenburg: Ein sonniger, perfekter Tag, um einen Ausflug zu machen. Unterwegs mit dem Wissen, dass uns heute Helmut, 84, ehemaliger Maschinenschlosser, seine Türen öffnet. Dieses Mal haben wir eine klare Vorstellung. Denn Helmut sammelt Sand. Viel Sand. Uns wurde eine Sammlung von über 200 Sandstränden der Welt angekündigt.
  Dementsprechend gespannt betreten wir Helmuts schnuckeliges Häuschen mitten in dem idyllischen Rammersweier in der Nähe von Offenburg. Uns fällt schon beim Betreten auf, dass Helmut in einem strahlenden Hemd, vorbereitet und neugierig auf uns wartet. Bei Kaffee und Kuchen empfängt er uns mit seinem Sohn und Enkel und freut sich, uns von seinen Geschichten zu erzählen. Mit großer Freude beginnt Helmut zu berichten. Er hat viel erlebt. Sein früherer Beruf gab ihm die Möglichkeit, viele Kollegen kennenzulernen, mit denen er bis heute enge Freundschaften pflegt und sich sehr gerne an diese Zeiten erinnert. Damals hat es auch begonnen. 1989. Ein kleiner Witz mit großer Wirkung als Folge, womit niemand gerechnet hat. Eines Tages berichtet die liebste Arbeitskollegin Esther, dass sie in den Urlaub in die Türkei fliegt. Daraufhin entgegnet ihr Helmut „Wenn du da unten badest, bring’ mir ein Glas Sand von da, wo du gelegen hast, mit.“
  Esther nahm Helmut beim Wort und brachte ihm tatsächlich ein Gläschen Sand mit. Direkt aus der Türkei. Aus dieser Idee heraus beschlossen auch weitere Freunde und Kollegen von Helmut, ihm das nächste Mal ebenfalls Sand aus ihrem Urlaub mitzubringen. Und Helmut nahm ihn dankend an. Diese Leidenschaft hielt über ganze 29 Jahre, bis vor ein paar Wochen, an. Und bevor er es merkte, waren es auch schon um die 218 Sandstrände der ganzen Welt, die er feinsäuberlich in Hipp-Gläsern in seinem Keller archiviert. Wir haben uns natürlich an dieser Stelle direkt gefragt, ob es bei so vielen Sänden denn keine Dopplungen und Strände mehrfach gibt. Helmut erzählt uns, woher der ganze Sand kommt. Dabei sind besonders oft die Malediven, Mauritius, Spanien und die Türkei vertreten. Also eher die südlichen Länder – eben die Badeländer. Dennoch hat er viele Variationen und eine gewisse Vielfalt in seiner Sammlung vertreten. Ob Dubai, Indien, Peru, oder auch USA und Kanada, von Irland bis Australien und sogar Sand von der chinesischen Mauer – jeder Kontinent ist dabei. Laut seiner Einschätzung fehlt ihm aber noch Sand aus Finnland und Russland. Eben den Ländern, in denen nicht so viel gebadet wird.
  Wir betreten also Helmuts Schatzkammer im Keller und sehen all seine Gläschen, die bereits perfekt geordnet auf einem langen Tisch auf uns warten. Uns fällt sofort auf, dass es durchaus möglich ist, so viele verschiedene Strände aufzubewaren und dennoch eine Übersichtlichkeit zu schaffen. An jedem Glas ein Zettelchen. Laut Helmut wie kleine Urkunden, von wem und woher der Sand ist. Ein paar Namenlose sind auch dabei.
  Aber die meisten sind mit dem Namen der Personen, die es ihm geschenkt haben, versehen. Und das ist ihm auch wichtig. Jedes mal, wenn er die Namen liest, schwelgt er nochmals in Erinnerung an seine Kollegen und seine alte Firma. Viele Erinnerungen liegen schon lange zurück, denn Helmut ist seit 23 Jahren Renter, der außerdem leidenschaftlich gerne wandern geht. Vor allem mit seinen ehemaligen Arbeitskollegen. Einen materiellen Wert hat die Sammlung für Helmut wohl nicht: „Die Idee hat sich halt so weitergespielt und dann habe ich halt mitgemacht. Und mich gefreut, wenn ich wieder welchen gekriegt habe. Ich hab’ mir nie gesagt, jetzt ist Schluss, bis ich dann in Rente gegangen bin.
  Danach kam aber auch noch einiges. Vom Datum her 99, und da war ich ja schon vier Jahre in Rente. Einige haben ja länger gearbeitet als ich, ich war ja der Älteste und die haben mich nie ganz vergessen. Sie haben immer wieder an mich gedacht, wenn Sie irgendwo im Urlaub waren. So ist das entstanden. Rein eigentlich aus Jux.“
  Auch wenn es bei Helmut mehr um die Erinnerung geht, erfreut er sich ebenfalls an den vielfältigen Beschaffenheiten und Farben des Sandes, die auch eine optisch durchaus interessante Sammlung darstellen — selbst wenn man als Außenstehender die Erinnerung, die damit verbunden ist, nicht kennt. Es ist schön, dass Helmut mit seiner Sammelleidenschaft in den Köpfen der Leute verankert ist, die seine Sammlung immer wieder bereichern. Wir haben nicht damit gerechnet, dass sich so viele Emotionen und Geschichten hinter den kleinen Gläschen verbergen. Helmut beweist, dass man Erinnerungen nicht nur in einem Fotoalbum festhalten kann, sondern selbst so eine abstrakte Sache wie Sand als Emotionsträger dienen kann. Nach diesem Tag haben wir nun erneut einen weiteren Sammler und seine Geschichten kennenlernen dürfen, die unser Sammer-Repertoir erweitern. Wir haben diesen Tag bei Helmut sehr genossen und danken ihm für die tollen Einblicke in ein bewegtes Leben.



#3 — DIRK

Dirk ist Kunststudent an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart und sammelt Zettelchen, die er auf dem Boden findet. Inzwischen umfasst seine Sammlung circa 600 Exemplare.

9:00, Stuttgart: „Ich hab’ meine Sammlung in zwei Kategorien aufgeteilt: in Einkaufszettel und in „Sonstige“ – bei Letzterem ist alles Mögliche dabei, Wegbeschreibungen, Adressen, Telefonnummern, Liebesgrüße, Beschimpfungen, Erinnerungen.“ So hat uns Dirk Reimes seine Sammlung beschrieben. Dirk ist Kunststudent an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart und sammelt Zettelchen, die er auf dem Boden findet. Inzwischen umfasst seine Sammlung circa 600 Exemplare. Damit räumt er nicht nur ganz Stuttgart auf, sondern entdeckt immer wieder aufs Neue ein paar Schätzchen, die es in seine Sammlung schaffen. Spezialisiert geht er hierbei nicht vor. Eigentlich sind alle handschriftlichen Zettel, die auf der Straße auftauchen, erstmal interessant für ihn.
  Wenn Dirk einen Zettel findet, nimmt er ihn erst einmal mit – ganz egal, was darauf steht, oder ob er es lesen kann – es ist erstmal Beute. Erst in seinem Atelier in seiner WG nimmt er sich die Zeit, einen genaueren Blick darauf zu werfen. Nur manchmal schaut er sich den Zettel, den er gefunden hat, schon direkt unterwegs an. Auf unsere Nachfrage, wie er denn in seinem Zettelchaos Ordnung hält, verrät uns Dirk, dass er die Zettel in zwei Kategorien unterteilt – in Einkaufszettel, die ja auch irgendwie interessant und auch einfach zu identifizieren sind, da man dabei immer gleich sieht um was es sich handelt – und in sonstige Zettel. Bei den Einkaufszetteln muss Dirk immer wieder schmunzeln, wenn er sieht, was die Leute so einkaufen. Es lässt sich viel ablesen aus den Einkaufszetteln der Leute. Was zur Hölle kaufen die ein? Und in welchen Kombis! Manchmal findet Dirk Zettelchen, auf denen nur ein Wort steht, z.B „1 Apfel“. Oder man sieht manchen Einkaufszetteln auch an, dass da jemand nach Rezept einkauft, wie z.B „175g Zucker“. Dirk findet es immer wieder faszinierend, was sich die Menschheit notiert, was sie nicht vergessen wollen. Und sich nur durch diese Information die Menschen hinter dem Zettel vorzustellen, bringt Dirk Freude. Man kann den Zetteln auch irgendwo ablesen, wie sich die Menschen ernähren. Und wo sie einkaufen gehen oder wo es aktuelle Sonderangebote gibt. Manche Zettelchen sind ganz strukturiert und ordentlich und in Rubriken unterteilt: Edeka – Lauch 1,39 Euro, Lidl 2,10 Euro. Es ist interessant zu sehen, wie die Leute so ticken. An den ersten Zettel, den Dirk auf der Straße gefunden hat, kann er sich heute schon gar nicht mehr erinnern – bei der umfassenden Sammlung verliert man dann doch irgendwann den Überblick. Aus keinem besonderen Grund hat er damals beschlossen „Ja, jetzt fängt das an mit diesen Dingern“, es ist vielmehr beiläufig passiert. Wenn Dirk einen Zettel findet, dann steckt er ihn ein. Sein Interesse schildert er uns mit der Begründung, dass er inzwischen schon einen „Scan“ dafür entwickelt hat, wenn er durch die Straßen läuft. Den meisten Menschen auf der Straße fallen die Zettel also dementsprechend gar nicht auf. Aber wenn man erst einmal seine Augen öffnet, dann sieht man, wie wahnsinnig viele handschriftliche Zettel auf der Straße liegen. Wir möchten wissen, ob das denn nicht langsam einen Rückgang erlebt, da doch so viele Leute heutzutage digitale Einkaufslisten verwenden, aber Dirk ist der Ansicht, dass Handschrift definitiv nicht ausstribt – bei so vielen Zetteln, die er die ständig findet. Und viele davon lässt er auch liegen. Für ihn spielt auch der Zufall eine Rolle, denn sonst könnte er die Einkaufszettel auch bei jeder Kassiererin abgreifen. Er erzählt uns, dass er früher wirklich sehr leidenschaftlich gesammelt hat und fast alles mitgenommen hat. Aber heute ist es vielmehr dieses zufällige Finden – irgendwo auf der Straße umherzustreifen. Er sammelt hauptsächlich in Stuttgart, denn das ist ja seine Heimat, aber er hat tatsächlich auch schon viele Zettel aus Urlauben und anderen Städten mitgebracht. Sogar in Stuttgart wird es ihm oft nicht leicht gemacht, da er häufig auch Zettelchen findet, die er gar nicht lesen kann. Es handelt sich um Sätze in fremden Sprachen oder anderen Schriftzeichen und oft fallen ihm auch Telefonnummern in die Hände – ganz ohne zusätzlichen Namen. Ob auf englisch oder französisch. Oft auch völlig unverständlich.
  Dirk ist aufgrund seines Kunststudiums natürlich ein kreativer Mensch und versucht dann, oft auf anderen Wegen, seinen Nutzen aus den Zettelchen und dem entsprechenden Material zu ziehen: So hat er schon Gedichtbände aus den Zettelchen gemacht und aus deren Inhalten. Das heißt, er hat sich rein auf die Sprache konzentriert. So macht er das mit den Zetteln generell. Dirk schreibt jeden Zettel, den er findet, feinsäuberlich ab. Natürlich nur, wenn er ihn lesen kann. Aber so verarbeitet er das Material nochmals auf seine ganz eigene Art und Weise.
  Das ganze macht Dirk jetzt schon seit sechs Jahren. Eine Pause gab es seitdem eigentlich nie. An sich handelt es sich dabei eben um keine anstregende Tätigkeit. Aber aufgehört hat er nie, denn „das ist ja das Schlimme mit dem Sammeln. Wenn man einen gewissen Grad erreicht hat – ab dem Punkt, an dem man es sammeln nennt – hat das Sammeln auch kein Ende. Die Sammlung hört nie auf. Es sei denn, es gibt Objekte, die so begrenzt sind in ihrer Zahl. Dann hat man einfach irgendwann mal alle. Bei mir ist es ja zum Glück Papier, also sehr flach und platzsparend zu organisieren und archivieren. Aber für meine Arbeit – ich mache viel auch mit gefundenem Material – habe ich dann sowieso einen Hang, so Sachen anzuhäufen, ohne gleich zu wissen, ob ich damit etwas mache oder nicht. Da sind die Zettel so das Harmloseste. Also wenn man anfängt, Sachen zu sammeln, die richtig Platz brauchen, dann ist es sehr schnell sehr kritisch. Da bin ich aber mit meiner Zettelsammlung noch weit davon entfernt, bis die mir platzmäßig Sorgen macht.“ Uns interessiert natürlich, ob Dirk mit seiner umfassenden Sammlung denn inzwischen Unterstützung von Freunden erhalten hat, oder ob er immernoch tapfer alleine sammelt. Er kriegt nur ganz selten mal was zugesteckt, die meisten Zettel findet er tatsächlich alleine.
  Es ist auch für ihn von Relevanz, die Zettel alleine zu finden – denn, wenn er mal einen zugesteckt bekommt, ist das für ihn in Ordnung – aber der schafft es nur selten in seine Sammlung. Das Finden ist also Hauptbestandteil beim Sammeln. Da es sich ja nur um Papier handelt, hat die Sammlung für Dirk keinen materiellen Wert. Die Zettelchen haben vor allem einen ideellen Wert. Und dann werden Sie eingeordnet in die Sammlung – Dirk erklärt uns, dass es nicht so ist, dass er ständig die Ordner rausholt und alles direkt abheftet. Das ist eher eine Ordnungssache, weil er sonst einen Berg an Papier hätte. Und weil er sie ja abschreiben will, muss er die Zettel ja sowieso aufklappen und schauen, was steht drauf. Erst dann heftet er sie ab und sie sind weg. Dirk vertritt die These, dass es dann auch gut ist, dass sie dann weg sind. Wenn jetzt alle Zettelchen verschwinden würden, oder verbrennen würden, dann wäre das jetzt nicht ein allzu großer Schmerz für Dirk. Auch weil es ja weitergeht – vielleicht wäre es sogar eine Erleichterung – es geht ja immer weiter. Auch dadurch, dass er ja die Texte von den Zetteln, die er lesen konnte, abschreibt und Gedichtbände daraus macht – das heißt, er hat schon damit gearbeitet und das Material sozusagen verarbeitet. Insofern braucht es diese Zettelchen gar nicht mehr so wirklich. Für Dirk ist es also der Mehrwert, der aus den Zettelchen entsteht, der seine Sammlung für ihn so besonders macht. Es geht ihm auch darum, Spaß bei seinem Projekt zu haben und es bereitet ihm Freude, sich auf die Sprache auf den Zetteln zu konzentrieren und eben diese Gedichte daraus zu machen – das bedeutet ihm dann mehr, als der reine Zettel. Die Zettel oder was da alles dran hängt, was man alles interpretieren kann, was das für Leute sind, die diese Zettel schreiben, wie das geschrieben ist, wie die aussehen, wie die auf die Straße kommen – da hängt so viel dran – das ist wie ein Steinbruch – aus dem weitere Arbeiten für Dirk entstehen können. Deswegen heftet er die Zettel trotz allem ordentlich in seinen Ordnern ab, um sie zu archivieren. Er kann sich auch vorstellen, die Zettel auf eine andere Art und Weise zu einem späteren Zeitpunkt in seinem Leben zu verarbeiten. Als reine Papierausstellung vielleicht. Er gibt zu, dass er schon ein bisschen an seinen Zetteln hängt – aber nicht allzu sehr.
  Von der Größe der Zettelchen ist natürlich alles mit dabei; groß, klein, riesig. Und auch von jung bis alt lassen sich die Handschriften deuten. Es ist auch lustig, was die Leute als Zettel benutzen. Papier, Poster, Karton – das, was halt gerade da ist. Dirk hat noch nie einen Zettel gefunden, von dem er die Handschrift erkennen konnte – auch noch keinen eigenen, den er mal verloren hat. Seine Sammlung ist also gegenwärtig. Denn das Papier exisitert auf der Straße ja wirklich nur ein paar Wochen.

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