Fotografie / Text: Aischa Matthes

WIE KAMMST DU ZU DRAG?

Ich fand Frauen schon immer faszinierend. Es war faszinierend, was Frauen machen durften. Dass sie sich schminken durften. Lange Haare und lange Nägel und solche kleinen Dinge. Ich habe mir Bilder von Frauen angesehen und habe mich gefragt, wie wäre das jetzt wenn ich so aussehen würde. Wenn ich diese Haare tragen würde, dieses Outfit tragen würde. Aber ich wusste, ich kann es nicht tragen. Ich hatte immer dieses Bild im Kopf, als Junge macht man das eben nicht.
Wobei meine Eltern da immer sehr tolerant waren. Ich durfte mit Barbies spielen, zu Hause hätte ich bestimmt auch ein Kleid tragen dürfen, hätte ich das als Kind gewollt.
Als ich etwas älter war, habe ich mir einmal einfach die High Heels von meiner Schwester zum Sonntagsfrühstück angezogen. Und ich durfte das auch machen. Als Kind macht man das noch ohne Hintergedanken, aber man wird älter und fragt sich, was wohl die Anderen denken, was die Eltern denken.
Irgendwann bin ich dann auf Drag gestoßen. Für mich war Drag lange Zeit nur Olivia Jones, dieses Travestiedrag. Das fand ich schrecklich. Der Stil ist super kitschig, alles ist pink, überall Glitzer und Federn, einfach nur uäh. Sehr theatermäßig oder Cabaret und das hat mich nie gereizt, damit habe ich mich nie gesehen. Dann habe ich zum ersten Mal Rupaul’s Drag Race gesehen. Das ist eine Show aus den USA mit mehreren Drag Queens, die alle in einen Raum geschmissen werden und um ein Preisgeld von $ 100.000 kämpfen. Da stoßen alle Formen von Drag aufeinander.
„Adore“ war eine von den Drag Queens, die mich inspiriert hat. Bei ihr hat alles gepasst. Sie war nicht so wie andere Queens mit hochtoupierten Haaren, schickem Abendkleid und Glitzersteinchen im Gesicht. Adore hatte auch mal eine zerrissene Jeans an. Sie hatte die Perücke nicht richtig ausgebürstet, anstelle der High Heels trug sie ausgelatschte Boots und ihre Brust war flach. Das Make Up saß aber perfekt. Sie ist so ein bisschen den Punkstil gefahren. Da habe ich gemerkt, Drag ist nicht nur Travestie und eigentlich kann man machen was man will. Ich habe durch sie ein Ventil gefunden und eine Möglichkeit entdeckt, wie Drag für mich funktionieren kann. Bilder schossen in meinen Kopf. Wie sähe ich aus, wenn ich diese langen Nägel hätte, wenn ich dazu das Jeanshemd tragen würde? Zu Anfang habe ich Drag nur für mich gemacht. Das erste mal öffentlich war ich damit zu Fasching raus. Nach dem Motto: „Ha ha Fasching, es ist ja nur eine Verkleidung.“ Dann habe ich die anderen Mädels kennen gelernt und hatte durch die Gruppe eine ganz andere Motivation. Es ist viel lustiger. Ich habe mich viel stärker mit Drag auseinandergesetzt und meinen eigenen Stil gefunden.


WAS IST EIN MANN, WAS IST EINE FRAU? GIBT ES DAS FÜR DICH?

Ja schon. Ich würde das Geschlechterding nicht über den Haufen werfen. Diese ganze „Schubladendiskussion“… Ich für mich denke, dass es manchmal hilfreich ist, Dinge in Schubladen zu stecken. Weil es bei der eigenen Identifikation hilft. Man hat etwas, an dem man sich orientieren kann. Es gibt eben dieses „Schubladendenken“. Für viele ist es Mann und Frau. Für mich gibt es nicht nur Blau und Rosa, sondern auch noch viele Lilatöne dazwischen und wer sich wo und wie einordnet, das ist jedem selbst überlassen. Als Orientierungspunkt existiert meiner Meinung nach Mann und Frau genauso wie Non-binary (ein Geschlecht, das weder ganz/immer weiblich ist, noch ganz/immer männlich), Gender non-conform (das bedeutet, dass man sich mit keinem der beiden Geschlechter identifiziert) oder Intersex (Menschen, die genetisch nicht eindeutig dem weiblichen/ männlichen Geschlecht zugeordnet werden können).
Auf den ersten Blick ist ein Mann schon jemand, der auch die physischen Eigenschaften erfüllt. Ein Penis gehört da nicht unbedingt dazu. Es ist eher so, dass ich jemanden auf der Straße sehe und automatisch in Mann/ Frau einteile. Sobald ich dann aber mit der Person geredet habe und ich sie näher kennen gelernt habe, kann sich das ändern.
Das war zum Beispiel beim CSD (Christopher Street Day) in Stuttgart so. Da waren auch Transleute dabei. Eine, die hieß Hannah, hat sich auch als Hannah vorgestellt. Hatte aber auf den ersten Blick eine Erscheinung wie ein Junge. Hatte nicht diese auffällig maskulinen Features aber trotzdem hätte ich gedacht, sie wäre ein Junge, wenn ich an ihr vorbei gelaufen wäre. Sie heißt aber Hannah, stellt sich mir als Frau vor also werde ich nicht respektlos sein und er sagen, sondern sie als Frau akzeptieren.
Es gibt viele Transfrauen, die noch am Anfang stehen. Man sieht dann zum Beispiel noch den Bartschatten oder dass sie eine Perücke tragen. Neulich stand eine neben mir in der Bahn. Aber sie steht neben mir in Frauenkleidung, deshalb ist sie für mich eine Frau. Wäre sie neben mir in Kapuzenpulli und Schlabberjeans dagestanden, dann hätte ich auf den ersten Blick gedacht sie, wäre ein Mann. Mal angenommen, ich hätte sie näher kennen gelernt und dann hätte ich doch noch irgendwann gemerkt, hoppla, sie ist eine Frau, hätte ich das genauso akzeptiert. Die endgültige „Schublade“, in die ich eine Person einordne hängt davon ab wie sich die Person selber sieht. Wie sie sich mitteilt oder gibt. Es reicht auch, wenn jemand aus dem Bekanntenkreis sagt, sie da drüben… etc. Von der Person redet wie von einer Frau. Dann würde ich wissen okay, die Person identifiziert sich als Mann oder Frau, ganz egal wie sie dann äußerlich aussieht.


WORIN GRENZT DU DICH AB, BIST DU JETZT EIN MANN?

Ich habe einer Freundin schon einmal gesagt, dass ich mich nicht als Mann identifiziere oder zwingend als Mann sehe. Ich identifiziere mich als männlich, unter anderem wegen meinem Penis. Ich habe kein Problem damit, eine flache Brust zu haben. Ich habe kein Problem mit meinem Körper auch wenn ich sagen würde, dass ich an manchen Stellen einen eher weiblichen Körper habe. Ich bin etwas schmaler, habe eine Taille, was mir persönlich auch gut gefällt. Aber auch von meinem Gesicht her würde ich sagen, dass ich männlich bin. Trotzdem würde ich mich nicht als Mann definieren, weil ich mit dem Bild, das von Männern gemacht wird, oder diesem gesellschaftlichen Ding, das um einen Mann herum gebaut wird, nicht identifizieren kann.
Es werden bestimmte Dinge von einem verlangt. Der Mann ist groß und stark, er ist der Versorger und kann die Möbel im Haus herumtragen. Er ist handwerklich begabt etc. … dieses ganze Ding, was um einen Mann herum existiert. Und dieses Machoverhalten, das von Männern erwartet wird. Von wegen, man darf keine Emotionen zeigen und muss immer hart bleiben. Mit diesem Bild identifiziere ich mich nicht oder zumindest nicht komplett. Deswegen stört es mich, wenn ich aufgrund meines Geschlechts in eine Schublade geschoben werde. Solche Aussagen wie: „Wir brauchen einen großen, starken Mann der etwas schiebt, komm doch mal mit.“ Nur weil ich männlich bin, heißt das nicht, dass ich der Depp bin der dir das Ding durch die Gegend schiebt. (Das würde ich natürlich nie so offen ansprechen.) Vor allem, weil ich das nicht einmal kann. Ich bin das absolute Knochengestell, ich zerbreche dabei doch. Sobald dann jemand fragt, bin ich so uhmm… drücke mich wenn möglich drum herum.
Die Situation hatte ich schon und dachte mir, jetzt werde ich wieder mit diesen Männern in einen Topf geschmissen, weil ich mich männlich kleide und andere mich als männlich einordnen. Dann wird von mir erwartet, handwerklich begabt zu sein oder ein Regal zu schieben und es wird nicht von den Mädels, die neben mir sitzen erwartet. Das ist genau der Punkt, der mich stört. Ich bin so nicht, wie du mich einordnest, aber du denkst so von mir aufgrund meines Geschlechts. Ich kann es den Leuten ja auch nicht immer verübeln, aber es stört mich eben manchmal.
Ich möchte auch nicht als Frau eingeordnet werden. Ich finde selbst, dass ich ein eher femininer Mann bin, es darf sich aber nicht jeder erlauben, mich als weiblichen Kerl zu bezeichnen. Da denke ich: „Stopp, mach mal halblang, das hast du nicht zu beurteilen.“ Ich hatte eine Zeit lang etwas längere Haare. Damit habe ich nicht ausgesehen wie eine Frau aber gerade ältere Leute sind dann ein bisschen verwirrt. Ich wurde gefragt: „Bisch jetzt a Mädle oder n Bub?“
Diese Menschen können mich dann nicht mehr einordnen. Die sehen lange Haare und dann ist das für die ein Mädchen. Nur weil ich mich nicht zu 100 % als Mann identifiziere, heißt das im Umkehrschluss nicht, dass ich mich als Frau identifiziere. Ich kombiniere Attribute von beidem. Es fehlt das Wort dafür. Ich bekomme das selber mit der Zeit langsam für mich raus.


WAS DEFINIERST DU ALS MÄNNLICH, WAS ALS WEIBLICH?

Holzfällerhemden, ein Bart. Muskulösere Statur, gerader Gang. Harte Bewegungen. Man reduziert es so schnell aufs Äußere. Wahrscheinlich würden viele sagen, ein Penis ist männlich, das werde ich jetzt aber nicht sagen, weil ich das auch anders sehe. Geschlecht kann man ja als Konstrukt sehen, und in diesem Konstrukt hat ein Mann einen Bart. Deswegen ist eine Frau mit Bart komisch. Aber es könnte ja trotzdem Frauen geben, die einen Bart tragen oder Frauen die einen Penis haben, zum Beispiel Transfrauen (Menschen, die im falschen Körper geboren sind) oder Intersex (Menschen, die genetisch oder auch anatomisch und hormonell nicht eindeutig dem weiblichen oder dem männlichen Geschlecht zugeordnet werden können).
Ich mache viel an den Verhaltensmustern fest. Aber auch eine tiefere Stimme und kürzere, prägnante Sätze sind männlich. Bei Frauen klingt alles etwas weicher und melodischer. Genauso empfinde ich einen weichen, schwungvollen Gang, Kurven und lange Haare als weiblich. Männlichkeit und Weiblichkeit mache ich am Verhalten fest, wie sich eine Person gibt.
Auf den ersten Blick natürlich auch am Aussehen. Kürzere Haare, breitere Schultern und markante Gesichtszüge wirken männlich. Solche Sachen, die einfach durch männliche und weibliche Hormone bedingt sind.


HAST DU ANGST VOR SEXUELLER BELÄSTIGUNG ODER, DASS DICH JEMAND VERGEWALTIGEN KÖNNTE, WENN DU ABENDS SPÄT HEIMKOMMST?

Nein. Wenn, dann eher vor gewalttätigen Übergriffen. Dass jemand Stress sucht unter anderem weil er mich als Mann einordnet und denkt, er könnte sich mit mir prügeln oder eben als feminineren Mann einstuft und deshalb Stress sucht.
Wenn ich abends in Drag ausgehe, begleitet mich auch immer eine Freundin zum Club oder holt mich von der Bahn ab. Ich falle sehr stark auf und alleine stellt man ein leichtes Ziel dar. Aber die Angst vor sexuellen Übergriffen habe ich nicht. Es sind schon mal Kommentare gekommen. Es kam auch schon vor, dass mich im Club jemand angegrabscht hat. Dann habe ich gesagt: „Fass mich nicht an!“ Das hat auch immer gereicht und ich wurde in Ruhe gelassen. Es war nie so, dass ich mich schutzlos gefühlt habe, oder das Gefühl hatte nicht die Kontrolle über die Situation zu haben.


ANTWORTEST DU EHRLICH, WENN LEUTE NACH DEINEM GESCHLECHT FRAGEN?

Jein. Würde mich jemand, zu dem ich keinen näheren Bezug habe, fragen: „Was bist du?“ Dann würde ich antworten, ich bin ein Mann. Der Einfachheit halber, weil ich mich dafür nicht rechtfertigen müsste (und es eine fremde Person auch einfach einen Scheißdreck angeht).


WAS HAT ES MIT TRANS AUF SICH?

Viele schnallen nicht wirklich, was das ist, das Transthema. Viele verstehen nicht, dass es bei Transmenschen um die Identität geht und nicht die Sexualität. Solche Menschen verstehen nicht, dass eine Transfrau, die keine geschlechtsangleichende OP macht, weil sie das für sich selbst nicht möchte oder braucht (diese OPs sind oft mit vielen Komplikationen verbunden), trotzdem eine vollwertige Frau ist.
Viele Männer sind dann zum Beispiel abgeschreckt, weil sie nur den Penis sehen. Natürlich ist das eine Umstellung. Würde ich einen Transmann treffen, unoperiert oder selbst mit Operation, wäre das für mich auch neu und ich müsste mich da etwas anpassen. Ich finde es wichtig, dass man sich trotzdem auf diese Person einlässt. Denn sobald du merkst, du magst die Person, ist es auch völlig irrelevant was zwischen den Beinen ist. Ich glaube, es wäre wichtig, die Leute soweit dazu zu bringen, dass sie die ganze Person sehen und sich nicht auf das Geschlecht fixieren.


ALS DRAG SCHMINKST DU DICH JA GERNE, KÖNNTEST DU DIR DAS FÜR DEN ALLTAG AUCH VORSTELLEN?

Ne. Wenn ich mir jetzt vorstelle, geschminkt zur Arbeit zu gehen. Nein. Eine Blockade ist auf jeden Fall, dass du von den Leuten blöd angegafft wirst. Aber ich möchte auch nach Außen nicht der Mann mit Make Up sein. Deshalb mache ich es im Alltag nicht. Es gibt ja auch Männer, die sich für den Alltag schminken und auch ordentlich drauf hauen, das finde ich vollkommen in Ordnung. Aber ich für mich würde mich unwohl fühlen.


STIMMT. DIE LEUTE NEHMEN DICH DANN ANDERS WAHR. DENKEN, DASS DU GERNE EINE FRAU SEIN MÄCHTEST, ODER SONST IRGENDETWAS UND PACKEN DICH IN EINE SCHUBLADE, IN DIE DU GAR NICHT GEHÖRST.

UNISEXTIOLETTE, WÜRDEST DU AUF EINE GEHEN?


Ja, weil es mich nicht stören würde, mit Frauen die Toilette zu teilen. Ob ich jetzt neben einem Mann stehe oder neben einer Frau. Na gut, ich würde vermutlich nicht neben einer Frau stehen. Aber selbst wenn ich neben einer Transfrau neben dem Pissoir stünde, das wäre mir doch egal.


FÜHLST DU DICH AUF DER BÜHNE DANN EHER ALS DAS, WAS MAN ALS „FRAU“ BEZIECHNETß

Ich fühle mich in diesen Momenten sehr weiblich und es kommt dem, was man als „Frau“ bezeichnet vermutlich schon sehr nahe. Aber ich stehe nicht vor dem Spiegel und denke, ich bin eine Frau. Mir ist natürlich auch in Drag bewusst, dass ich keine Frau bin. Meine Mimik und Gestik verändert sich in diesen Momenten schon. Ich werde noch weiblicher als ich es schon bin. Überzogen weiblich. Sehr laut in allem. Die Verwandlung finde ich spannend. Ich sehe mich, um es ganz stumpf zu sagen, schon als Mann in Frauenkleidern. Ich will ja auch keine biologische Frau darstellen. Das Make Up und die Kleidung sind total überzogen, man sieht ja auch, dass ich keine Frau bin. Es ist ein Spiel mit dem Geschlecht.


WAS GEFÄLLT DIR DARAN, AUF DER BÜHNE ZU STEHEN UND EINE SHOW ZU GEBEN?

Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, es ist nicht die Aufmerksamkeit, denn die spielt schon mit. Es ist ein schöner Nebeneffekt, wenn man positives Feedback und Bewunderung erhält. Aber es ist nicht nur das. Gerade das Performen, das macht man für das Publikum. Ich möchte in den Leuten etwas auslösen. Ich möchte den Menschen Freude und eine gute Zeit bereiten.

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