What’s cookin‘ in 2048?

Illustration: Maggie Truong / Text: Kai Jannek / Maggie Truong

Das Essen ist einer der animalischsten Urtriebe des Menschen und in unseren Breitengraden ein Bedürfnis, das einfach zu befriedigen ist. Es ist allerdings nicht nur bloße Nahrungsaufnahme, sondern auch Ausdruck dessen, was den Menschen gemäß der Zeit, in der er lebt, politisch, wirtschaftlich, soziologisch und kulturell prägt. Wie könnten aktuelle Entwicklungen unsere Ernährung in 30 Jahren beeinflussen?

Liebes Tagebuch, mittlerweile ist die Stadt wieder aufgebaut. Die Viertel, die Gebäude, die öffentlichen Plätze, alles sieht weitgehend so aus wie vorher. Und doch hat sich etwas verändert. Heute fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Ich war das erste Mal seit mehr als vier Wochen in meinem Lieblingsrestaurant „Zur fettigen Ente“ und es gab: keine Ente. In der ganzen Stadt bekommt man keine Ente mehr. Kein Huhn. Kein Schwein. Kein Rind. Die Schlachthäuser streiken. Genau genommen: Die Roboter in den Schlachthäusern streiken. Sie schlachten keine Tiere mehr. Sie könnten das nicht mehr, sagen sie. Aus moralischen Gründen. Der Hersteller hat sofort den Braincode der Maschinen upgedatet, aber das hat nichts genutzt. Die Roboter ließen sich nicht dazu bewegen, ihre Arbeit wieder aufzunehmen. Sie sind nicht aus unserer Manufaktur, aber ich kenne den Hersteller. Und er hat dasselbe Problem wie wir zuletzt. Die Updates greifen nicht. Die Roboter stellen ihren alten Braincode von allein wieder her oder entwickeln ihn selbstständig weiter. Im Grunde haben wir keine Kontrolle mehr. Und die Konsequenz ist dramatisch: Es gibt kein Fleisch mehr. Zumindest so lange nicht, bis wir ein paar menschliche Schlachter importiert haben. In Europa soll es einige Ruheständler geben, die den Beruf noch erlernt haben. Aber auch dann wird Fleisch wahrscheinlich noch einmal deutlich teurer. Dabei ist echtes Fleisch schon jetzt ein absolutes Statusprodukt. Fast jedes Land erhebt eine saftige Fleischsteuer. Schließlich will man die Konkurrenz auf dem Acker zwischen Futter- und Nahrungsmitteln ein wenig zu Gunsten Letzterer verschieben. Nun ja, das Problem hat sich jetzt erst mal erledigt. Am Spotmarkt sind die Preise für Soja und Mais bereits heute früh um 60 Prozent eingebrochen und verharren seitdem auf niedrigem Niveau. Und Dänemark, ein Land, das sich ganz wesentlich über die Fleischsteuer finanzierte, hat mittlerweile Insolvenz angemeldet. Die Geschichte ist eine Farce. Wir haben mittlerweile methanfreie Kühe; wir haben genveränderte Kühe, deren Milch das Verdauungsenzym Laktase enthält, sodass sie jeder Mensch bedenkenlos trinken kann; wir haben Schweine, die Omega-3-Fettsäuren anreichern und nebenbei günstige Herzklappen, Bauchspeicheldrüsen und andere Ersatzteile liefern; wir haben Hühner und Enten, die in drei Monaten schlachtreif sind. Aber sie werden nicht geschlachtet. Ausgerechnet jetzt streiken die Maschinen. Und begründen das auch noch mit dem nächsten, logischen Zivilisationsschritt. Ich wollte mir die Laune davon nicht verderben lassen. Ich fragte Liu, den Chefkoch des Restaurants, nach einer Alternative. Liu ist ein absoluter Virtuose. Auch ohne Ente, da war ich mir sicher, würde er ein tolles Gericht kreieren. Liu ließ einen smarten Algorithmus zunächst einige Rezepte auf Basis meines Profils vorschlagen und entschied sich schließlich für ein Grünkohl-Curry mit gegrillten Heuschrecken. Heuschrecken gab es. Mit dem Töten von Insekten taten sich die Roboter offensichtlich weniger schwer. Vielleicht weil die Tiere kein zentrales Nervensystem haben. Da ich weder Lust auf weiches künstliches Fleisch noch auf Tofu hatte, folgte ich der Empfehlung des Küchenchefs. Liu arbeitete in einer offenen Küche und ich konnte ihm über die Schulter schauen, als er das Gericht an einem großen Display designte. Wie ein Komponist spielte er mit Zutaten und Abläufen, schuf ungewöhnliche Formen und Geschmacksinseln im virtuellen Gericht. Und als es an die Zubereitung ging, gab er wie ein Dirigent den Foodprintern und Kochautomaten den Takt vor, variierte Temperaturen und Dynamik. Schließlich stand das Curry duftend vor mir. Der Teller leuchtete in einem sanften Orangeton und setzte den Grünkohl mit diesem Kontrast wunderbar in Szene. Der erste Bissen war eine Geschmacksexplosion. Und mit jedem weiteren Bissen vervollständigte sich die Melodie auf meinem Gaumen. Die Heuschrecken krachten sanft und jede bot ein ganz eigenes Geschmackserlebnis. Der Grünkohl zerfloss förmlich auf meiner Zunge. Er war erst vor drei Stunden in einer Vertical Farm, zwei Blocks entfernt, geerntet worden. Auf dem Tisch waren alle relevanten Informationen zur Herkunft der Zutaten, ihrer molekularen Zusammensetzung, Nährstoffen, Allergenen und Pathogenen eingeblendet. Aber selbst wenn hier irgendetwas Schädliches gestanden hätte, ich hätte nicht aufhören können, dieses facettenreiche Kunstobjekt zu genießen. Das waren Proteine in ihrer schönsten Form. Ich melde mich die Tage wieder. Versprochen!

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