Interview: Knut Hans und Sven1a Kruse, Illustration: Svenja Kruse

Interview mit Cola Te-Es, einer relativ bekannten, unkonformistischen Stuttgarter Transsexuellen. Die 40-jährige lebt seit 20 Jahren mit einer weiblichen Identität und hat sich vor 8 Jahren operativ vom Mann zur Frau umwandeln lassen. Cola über Identität, die Rolle der Geschlechter in der Gesellschaft und ihren Standpunkt gegen¸ber der Transsexualität.

> Cola, ich habe gehˆrt dafl Du transsexuell bist und fruher einmal ein Mann warst. Darf ich dir dazu ein paar Fragen stellen?
< Ich mˆchte auf Dein unversch‰mtes Ansinnen ebenfalls mit einer Frage antworten: Wie stehst Du zu Deiner Klitoris?
> Tut mir leid, wenn ich Dir zu nahe gekommen bin.
< Ist schon recht, pack' Deine Fragen aus.
> Danke
< You're welcome.
> Was bedeutet eigentlich Transsexualit‰t?
< Laut Lexikon dominiert bei den Transsexuellen das psychisch bedingte Empfinden, dem anderen Geschlecht anzugehˆren. Es wird in diesem Artikel dann noch auf das ªTranssexuellen-Gesetz´ hingewiesen, das zwei Modelle als ªLˆsungen´ anbietet. Erstens die ªkleine Lˆsung´, wo lediglich durch eine Hormonbehandlung und Namens‰nderung eine soziale Anpassung erfolgt. Zweitens die ªgrofle Lˆsung´, die besagt, dafl nach der geschlechtsangleichenden Operation per Gerichtsbeschlufl eine vollst‰ndige Personenstands‰nderung zustande kommt. Es wird dann die Zugehˆrigkeit zum anderen Geschlecht nachgewiesen und blablabla...
> Das klingt alles sehr distanziert. Du hast die grofle Lˆsung hinter Dir, mit Operation und allem?
< Ja. Und ich stehe der ganzen Prozedur auch hˆchst kritisch und ohne besonders euphorische Gef¸hle gegen¸ber.
> Heiflt das, Du bist gegen Operationen von Transsexuellen?
< Im Grunde ist ja jeder Mensch selbst verantwortlich und es w‰re vermessen, zu dem Thema irgendetwas Allgemeing¸ltiges sagen zu wollen. Aber ich mufl mir einfach mal Luft machen und dazu benutze ich auch ganz gern dieses ansonsten f¸r mich ertraglose Interview. Was ich sagen mˆchte, ist, dafl ich auf die ganze Transsexualit‰t scheifle. Dafl ich sie als Droge empfinde wie andere Rauschgifte auch. So, wie sie sich in unserer Gesellschaft geb‰rdet, bringt sie nichts weiter als Anpassung, Leblosigkeit und Verdr‰ngung. Sie f¸hrt notwendigerweise ins Leid und ist eine Sackgasse f¸r die Betroffenen.
> Was meinst du damit?
< Ich glaube weder mir, noch anderen Transsexuellen, dafl eine Operation eine Lˆsung f¸r persˆnliche Probleme ist. Das wird auch dadurch deutlich, dafl Transsexuelle st‰ndig bereit sind, an sich herumschnippeln zu lassen. Seien es Geschlechtsteile, Gesicht, H‰nde, Gelenke, F¸fle, Becken, Beine, Br¸ste ... Sprich, der ganze Kˆrper ist hier ªProblemzone´. Es darf meines Erachtens von einer Chirurgiesucht gesprochen werden. Ganz zu schweigen von dem Hormon-Abusus. Nat¸rlich bringt so eine OP eine gewisse Beruhigung mit sich, weil man sich sicherer ist. Aber die Sicherheit dauert meistens nicht lange an. Und die Ruhe auch nicht. Man ist ja nach der OP immer noch auff‰llig f¸r die Mitmenschen, die ªGrundguten´.
> Also, ich finde Dich perfekt weiblich, sowohl Dein Aussehen als auch Deine Stimme.
< Wenn ich so perfekt wirken w¸rde, h‰ttest Du mich nicht angesprochen. Ist ja auch wurscht. Es geht mir gar nicht darum perfekt auszusehen. Fr¸her vielleicht. Da habe ich ganz viel Best‰tigung im ƒufleren gesucht. Heute besch‰ftige ich mich mit meiner inneren Liebe. Die ist f¸r mich das wichtigste Kriterium f¸r ein gutes Leben. Nicht die perfekte Anpassung. Ich arbeite schon seit ca. f¸nf Jahren mit meinem ªinneren Kind´ und merke immer mehr, wie ich es durch die sogenannte Transsexualit‰t schrecklich verraten habe.
> Was bedeutet f¸r Dich der Ausdruck ªinneres Kind´?
< Mit diesem Wort bezeichne ich das kˆrperlich und emotional f¸hlende, sowie auch intuitiv begabte Wesen in mir und in jedem anderen Menschen. Ohne dieses Wesen treffe ich heute keine Entscheidung mehr. Es ist ein Teil von mir, der trotz OP, Verkleidung und Schminke noch lebendig geblieben ist. Heute wende ich mich meinem inneren Kind ganz bewuflt zu, als liebevoller, erwachsener Vater, den es, also ich, immer vermiflt hat. Ich erlaube mir in diesen regelm‰fligen Zwiegespr‰chen, alles das, was ich in vielen Jahren verdr‰ngt habe, zuzulassen, mich bei ihm immer wieder zu entschuldigen und seine Wahrheit zu achten. Wenn mein inneres Kind, das selbstverst‰ndlich ein Junge ist, etwas partout nicht will oder auch dringend etwas braucht, halte ich mich daran. Bisher bin ich gut von dieser inneren Stimme angeleitet worden. Probleme gab es nur dann, wenn ich sie ¸berhˆren wollte. Ich bin sicher, dafl es auf der ganzen Welt kein einziges inneres Kind gibt, gleichg¸ltig wie alt oder wie transsexuell oder wie weit entfernt vom Schˆnheitsideal, das gerne an sich herumschneiden l‰flt.
> W¸rdest du heute am liebsten wieder als Mann leben?
< Nee, so kann ich das nicht sagen. Ich tu es einfach. Ich habe f¸r mich das Spielen als meine gl¸cklichste Ausdrucksform erkannt. Mal bin ich also Mann, mal Frau. Ganz nach Lust und Laune. Ich bin heute schon sieben Jahre mit einer Frau zusammen, die ich sehr liebe; und ich werde immer mutiger, mich ihr gegen¸ber auch als m‰nnlich zu geb‰rden und zu zeigen. Das macht mir und meinem inneren Kind einen Heidenspafl. Allerdings beschr‰nke ich dieses herrliche Spiel auf meine Privatsph‰re. Offiziell bin ich nat¸rlich weiterhin die herbe Frau.
> Ist Deine Freundin lesbisch?
< Nee, die ist bi wie ich.
> Hast du sexuelle Erfahrungen mit M‰nnern gemacht?
< Ja, massenhaft. Aber ich habe irgendwie immer weniger Bock auf M‰nner im Bett. Da geht es viel zu sehr um Selbstbest‰tigung. Da mufl ich das Weibchen sein, und wehe nicht, dann werden sie sogar aggressiv.
> Hast du schlechte Erfahrungen gemacht?
< Ja, lauter gestˆrte Beziehungen mit M‰nnern, die immer nur Angst hatten, schwul zu sein, als ich noch einen Pimmel unter dem bebusten Herzen trug. Nach der OP bin ich auch ab und zu mal sexueller Gewalt zum Opfer gefallen. Also, ich pfeife echt auf das biflchen Best‰tigung als Frau via M‰nner. Sie haben so wenig Phantasie und lassen sich nicht ein in Beziehungen. Sie riskieren nichts und schon gar nicht ihre blˆde M‰nnlichkeit. Bei Frauen ist das immer ganz anders gewesen, auch vor der OP. Da kommt es zu echten, intimen Begegnungen. Bei meiner Freundin liebe ich es, dafl ich mich verlieren darf und alles an ‰uflerer Fassade ablegen kann.
> Du malst das Lebene mit Frauen bzw. mit Deiner Freundin so rosig aus. Gibt es auch etwas, das Du vermiflt?
> Ja, manchmal sind wir beide traurig, nicht heterosexuell vˆgeln zu kˆnnen.
> Ich mˆchte noch einmal zur¸ckkommen auf den Begriff Transsexualit‰t, den Du mit sucht gleichsetzt und mit einem Lexikonzitat erkl‰rst. Hast Du auch einen positiven Standpunkt zur Transsexualit‰t?
< Ja, klar. Transsexualit‰t ist Identit‰t und sonst nichts. Identit‰t ªMann´ f¸r biologische Frauen Identit‰t ªFrau´ fur biologische M‰nner. Es ist ein ganz normales Hineinwachsen in die ldentit‰t des anderen Geschlechts. Das hat mit Krankheit gar nichts zu tun. Auch nicht mit Genen oder besonderer Veranlagung. Transsexuelle haben von Ihrer Erziehung her gar nicht die Mˆglichkeit, sich mit des eigenen Geschlechts zu identifizieren.
> Wie war das f¸r Dich, alsDu merktest, eine Frau bzw. ein M‰dchen zu sein, obwohl Du einen m‰nnlichen Kˆrper hattest?
< 0 prima! Ich fand mich ziemlich h¸bsch und erotisch und fiel nat¸rlich prompt in Jugendgruppen und Schulen sehr unangenehm auf, mit meinen Lebens‰uflerungen.
> Gab es einen bestimmmten Auslˆser f¸r Deine Entwicklung?
< In meiner Familie gab es nur Frauen um mich herum, die mich wie ein M‰dchen behandelt und erzogen haben Sie waren sehr pr‰sent, um nicht zu sagen Dominas. Die M‰nner fl¸chteten entweder vor den h‰uslichen Verantwortungen oder legten ein inhumanes Gebaren an den Tag. Ich konnte mit ihnen nicht das Geringste anfangen oder hatte Angst vor ihnen. Sie waren eine Bedrohung, eine einzige Entbehrung f¸r mich. Ich fand das vˆllig indiskutabel, so zu werden wie sie. Hinzu kam sexueller Miflbrauch, wodurch wohl mein letzter Rest an Zweifel und Abgrenzung gebrochen wurde. Leider hatte ich zu meinen ureigenen Gef¸hlen den Kontakt verloren. Brav wurde ich zur angepaflten Tussi. Obwohl das ja in so einer spiefligen Familie einem echten Alptraum gleichkommt. Naja, mittlerweile sind sie alle befriedet und erkundigen sich nach meinem Wohlergehen, laden mich ein und wollen mit mir reden. Aber ich habe oft so viel Wichtigeres zu tun. Manchmal ekele ich mich auch einfach vor meiner Familie, weil ich nichts vergessen habe. Bei anderen Transsexuellen habe ich Gleiches gehˆrt, aber die meisten verdr‰ngen und suchen ihr Heil in perfekten OP-Techniken.
> Hast du regelm‰fligen Kontakt zu anderen Transsexuellen?
< Fr¸her Ja. jetzt nicht mehr. Ich habe in sogenannten Selbsthilfegruppen mitgewirkt. Es waren aber leider Selbstbemitleidungsgruppen, von Selbsthilfe keine Spur. Die einzige angebliche Hilfe war die Vermittlung der lockersten ƒrzte und perfektesten Chirurgen. Lauter schauerliche Empfehlungen. In diesen Gruppen k‰mpfte ich gegen Windm¸hlen, da ich versuchte, die Leute vom Gegenteil zu ¸berzeugen: Ich pr‰gte den Begriff ªTranse´ f¸r ªFrau mit Pimmel´ und ªTransi´ f¸r ªMann mit Mˆse´. Ich versuchte eine politische und subversive Diskussion zum Thema Transsexualit‰t in Gang zu bringen. Ich wollte die Gesellschaft operieren sprich neue Lebensmodelle propagieren, provozieren, die Norm attackieren, statt die Aggressionen per OP gegen sich selbst zu richten. Ich wollte mit den Transen und Transis in jenen Gruppen eine Subkultur-Power entwickeln. Mit dem einzigen Erfolg, dafl eh verst‰ndnislos angesehen wurde von ganz freundlichen, soften, ruhigen, angepaflten, immer lieben Augen der Gruppenmitglieder. Irgenawann schmifl ich das Handtuch und legte mich selbst auf den OP-Tisch.
> Wie beurteilst Du derartige Operationen aus gesellschafts-politischer Sicht?
< Sie ist f¸r mich zu vergleichen mit der Klitoris-Beschneidung von Kindern. Leute werden ihrer Sexualit‰t beraubt und verst¸mmelt f¸r gesellschaftliche Ziele, bzw. f¸r ihre Anpassung an die patriarchale Gesellschaftsordnung. Im Grunde brauchen sich die Typen in diesen L‰ndern gar nicht mehr auseinanderzusetzen mit der weiblichen Sexualit‰t. Frauen sind dort Gebrauchsobjekte ohne eigene Erotik. Andererseits gibt es eine ganze Menge junger Frauen, die die Beschneidung bef¸rworten. Dabei wird deutlich, wie wichtig Identit‰t und gesellschaftliche lntegrit‰t f¸r das lndividuum ist. Sogar solch brutale Eingriffe werden hingenommen, nur um nicht isoliert zu sein, um dazuzugehˆren. Meines Erachtens befindet sich die transsexuette Subkultur in demselben Widerspruch. Sie ist bereit sich kastrieren zu lassen, wobei ich keinen Unterschied zwischen der Verst¸mmelung des weiblichen oder des m‰nnlichen Geschlechts. Es wird hier meiner Meinung nach ein Potential von guter eigener Sexualit‰t zerstˆrt: Statt verr¸ckt zu sein und die Welt auf den Kopf zu stellen durch das Auseinanderklaffen von Kˆrper und ldentit‰t, tut der Mensch sich Gewalt an und l‰flt, Skalpelle sprechen.
> Wie stehst Du zu anderen kosmetischen Chirurgien?
< Ich finde diesen ganzen schˆnheitschirurgischen Markt echt widerlich und lieblos. F¸r mich ist das Zeichen daf¸r, dafl die Menschen, die so etwas auf sich nehmen, ¸berhaupt kein Gef¸hl zu sich selbst und zu ihrem Inneren haben. Da werden tiefe Kr‰nkungen und Verletzungen umgelenkt, nicht als Aggressionen gegen die Verursacher oder die verursachenden Bedingungen, sondern gegen sich selbst ausagiert. F¸r mich ist das die absolute geistige bzw. emotionale Armut. Eine Gesellschaft, die ihren Mitgliedern derartige ªLˆsungen´ anbietet, ist f¸r mich eine kranke Gesellschaft, auch wenn ich tausendmal ein Teil von ihr und deswegen von ihr abh‰ngig bin.
> Kannst du noch einmal etwas n‰her auf das Thema der Identit‰t eingehen? Das was Du vorhin angerissen hast, schien mir doch sehr interessant: Dafl Menschen lieber leiden als isoliert zu sein, und dafl Identit‰t so wichtig ist f¸r den Menschen.
< Ja, der Mensch ist doch ein k¸nstliches oder kulturelles Wesen. Er mufl sich mit irgendetwas identifizieren, bzw. sich in der Gesellschaft und ihren Formen orientieren. Die Kultur ersetzt ihm die Natur. Ohne seine kulturell bedingte Identit‰t w‰re er ganz haltlos seinen Gef¸hlen ausgeliefert, w‰re vˆllig desorientiert. Die k¸nstliche Kultur regelt sein Leben bis ins Intimste. Sogar Sexualit‰t wird gelernt.
> Wie kann man denn Sexualit‰t erlernen
< Der Mensch ist meiner Ansicht nach von Natur aus bisexuell, er wird sozusagen als neutrales Baby geboren; seine sexuelle Ausrichtung erfolgt vollst‰ndig durch die Erziehung. Interessant ist in diesem Zusammenhang auch die Lekt¸re von Ursula Scheu: ªWir werden nicht als M‰dchen geboren, wir werden dazu gemacht´.
> Glaubst Du wirklich, dafl man Menschen sexuell erziehen, also auch umerziehen kˆnnte, wie es die Nazis versuchten?
< Ja, man kˆnnte es. Die Nazis haben es bewiesen. Ein Erziehungsfaktor ist Angst und der Wunsch dazuzugehˆren. Keiner mˆchte Auflenseiter sein. Drastische Sanktionen werden auch heute noch als Erziehungsmittel benutzt. Wenn man gesellschaftlich homosexuell sein m¸flte, w¸rden die Leute unter entsprechendem Druck homosexuell werden.
> Was meinst Du mit Sanktionen?
< Dafl Leute angespuckt oder geschlagen werden, von Nachbarn ignoriert werden, ihren Job verlieren ... Das ist Berufsverbot! Naturvˆlker gehen von jeher viel einfacher mit dem Transsexuellen-Ph‰nomen um.
> Zum Beispiel?
< Eine Transsexuelle in einem nordamerikanischen Indianerstamm, die ganz normal als Frau lebt, mit allen Rechten und Pflichten. Sie ist weder operiert, noch nimmt sie Hormone ein. Als sie darauf angesprochen wurde, wies sie diese medizinischen Mˆglichkeiten entschieden zur¸ck. Fr¸her haben dort bei den Iinitiationsriten der Pubertierenden weiblich erscheinende Jungs nicht mitgemacht, sondern sind wie selbstverst‰ndlich in die Frauenrolle eingef¸hrt worden. Umgekehrt gab es auch die Mˆglichkeit, dafl m‰nnlich wirkende M‰dchen M‰nnerinitiationen durchlaufen konnten und daraufhin als M‰nner galten. F¸r eine derart rigide Regelung bin ich zwar nicht, jedoch sehe ich dann einfach eine Mˆglichkeit, seine Identit‰t auf unblutige Weise auszuleben, sozusagen im ernsten Rollenspiel.


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.