Hypermobile Welt — Zeit der Spieler

Autoren: J. Doyle, M. Nathan / Übersetzung: Dr. Martin Kilgus / Photografie:Yvonne Seidel

Die vergangenen 50 Jahre hindurch wurden wir Zeugen einer atemberaubenden Zunahme von Mobilitat in all ihren Formen und Ausprägungen. Briten reisen heute im Schnitt 6.800 Meilen pro Jahr — fünfmal mehr als noch 1950. Bis zum Jahr 2025, so aktuelle Schätzungen, soll sich das Reiseaufkommen von heute nochmals verdoppeln. Reisen ist heute schneller und intensiver: Wir verbringen mehr Zeit mit Reisen: die Anzahl der einzelnen Reisen an sich hat sich aber nur wenig verändert.

In den USA hatten vor den Anschlägen vom 11. September die Ausgaben von Firmen und Unternehmen für internationale Reisen vom zwölf auf sechzehn Prozent zugenommen. Analysten sagen sogar voraus, dass US-Firmen diese Zahl bis zum Jahr 2020 nochmals verdoppeln werden, da sie langsam aber sicher versuchen, ihre globalen Daseinsansprüche wieder neu zu etablieren. In Großbritannien und Europa beträgt der Anteil von Geschäftsreisen am gesamten Reiseaufkommen 30 Prozent. Mehr als die Hälfte aller Reisen finden in der Freizeit statt und um einzukaufen. Und während Menschen immer mehr Zeit auf Geschäftsreisen sind, verbringen Sie unterm Strich weniger Zeit an ihren eigentlichen Zielorten.

Die Zahl der traditio-
nellen "Expatriots", also
der Menschen, die
dauerhaft im Ausland
arbeiten, nimmt ab.
Im Gegenzug gewinnt
ein neuer Typus immer
mehr an Bedeutung:
internationale Berufs-
pendler, Beschäftigte in
virtuellen Projekten,
Vielflieger und Kurzrei-
sende.

WER SIND DIESE LEUTE?

Die Reichen, Einflussreichen und Fachkräfte stellen den größten Anteil unserer hyper-mobilen Elite. Die meisten leben in Europa und in den USA. 80 Prozent davon leben wiederum an den großen Reiseschnittpunkten unserer Welt und reisen von und nach Tokio, Peking, Taipeh, Singapur, Seoul, Sydney und Kuala Lumpur. In Großbritannien reisen die einkommensstärksten 20 Prozent der Einwohner über dreimal mehr als die ärmsten und einkommensschwächsten 20 Prozent. Menschen, die Arbeit haben, rolsen doppelt so viel wie Arbeitslose.

Die aktuellen Trends hypermobiler Beschäftigung splegeln auch die Kraft des Arbeitsmarktes wider. Mobile Berufe waren lange Zeit Sinnbild der "old economy", der traditionellen Wirtschaft, und die meisten mobilen Berufe waren im Bereich von Service und Wartung zu finden. Natürlich gibt es diese Berufsbilder noch, aber heute gehören zu den mobilsten beruflichen Gruppen die hochqualifizierten Fachkräfte, die Manager, Direktoren, Berater, IT-Spezialisten, Banker und sogenannte "Wissensarbeiter" sowie Regierungsmitarbeiter und leitende Beamte des öffentlichen Dienstes.

In der Tat ist der Geschäftsreisende für die "hyper-Economy" so wichtig geworden, dass diese Gruppe heute Reisetrends, Lifestyle und Lebensart bestimmt und Zielpunkt entsprechend ausgerichteter Werbeaktivitäten geworden ist. In Europa, den USA und Asien gibt es heute rund 100 Millionen Vielflieger, die zusammen 3,5 Trillionen Flugmeilen angesammelt haben. Aus diesem Meilenguthaben heraus hat sich in der Zwischenzeit ein eigener Geschäftsbereich entwickelt, der Anreize zum Einsatz von Bonusmeilen gibt, Hotels an großen Flughäfen baut, integrierte Kommunikationstechnologien zur Verfügung stellt, Massen- und Hyper-Transit-Systeme anpreist und zu einer Wiederbelebung einer längst tot geglaubten Idee geführt hat, die lange Zeit in der Geschäftswelt als die eine große gute Idees angesehen wurde: die globale, immer präsente und immer aktuelle Lifestyle-Marke.

HYPER-MOBILITÄT UND ARBEIT

Reisen ist für alle von uns schneller besser, preisgünstiger und einfacher geworden als jemals zuvor. Globalisierung und der Fortschritt der Informations- und Kommunikationstechnologien haben zu tiefschürfenden Veränderungen wirtschaftlicher und sozialer Beziehungen geführt. Dieser Entwicklung folgeleistend reorganisierten Unternehmen Arbeitsabläufe, Projektabwicklung und Auftragsvergabe. Als Resultat leisten heute weniger Menschen mehr Arbeit in weiter gefassten Verantwortungsbereichen.

All dies hatte eine geradezu revolutionare Wirkung auf die Art und Weise, wie wir heute kommunizieren. In einer Erhebung von PriceWaterhouseCoopers gaben 96 Prozent aller befragten Unternehmen an, nunmehr Emails als Instrument zu nutzen, um mit ihrer international mobilen Arbeitnehmerschaft in Kontakt zu bleiben: zwei Drittel nutzen Videokonferenzen, aber nur sieben Prozent greifen im Gegensatz dazu auf Chatrooms im Web zurück und gerade mal sechs Prozent nutzen sogenannte "virtuelle Konferenzpakete". Firmen wie Cisco Systems, Hewlett-Packard, Nortel Networks und Sprint PCS gaben an, dass US-Firmen seit dem 11. September grundsätzlich dazu übergingen, bis zu 40 Prozent ihrer internationalen Aufträge über virtuelle, Internet-gestützte und Satelliten-gesteuerte Kommunikationssysteme (SattComs) abzuwickeln. Selbst Mobiltelefone, Palm Pilots, PDAs und Blackberry-Anwendungen spielen in diesem Prozess eine immer entscheidendere Rolle.

Im Mai versammelte IBM 52.600 seiner Arbeitnehmer online zu seiner "WorldJam Ideen und Kommunikations-Konferenze. Andere Firmen statten ihre Mitarbeiter im Vertrieb mit PDAs mit Netzwerkzugang aus, richten geschlossene Nutzersysteme ein oder bauen Extranets im Internet auf, die es ihanen erlauben, sich rund um die Uhr einzuloggen und Probleme mit Hilfe von 24-Stunden erreichbaren Einsatzteams ohne Zeitversatz zu lösen.

Autodesigner und Architekten haben bereits seit langem gelernt, online verfügbare Open-Source-Design-Laboratorien zu nutzen. Nun erkennen Marketingfirmen, Werbeagenturen und Modehersteller die Vorteile online-gestützter Kreativ-, Nachdenk- und Designworkshops.

Das Ergebnis dieser Entwicklung ist, so meint der "Death of Distance"-Autor Frances Cairncross, dass "immer mehr an einem Arbeitsablauf beteiligte Personen zeitgleich in einen Gestaltungsprozess eingebunden werden können und so Designer mit Marketingexperten zusammentreffen: Verbraucher, Entwicklungs- und Forschungsabteilungen und internationale Kunden folgerichtig das erschaffen was Zukunftsforscher als Hyperbrands bezeichnet: Produkte, Dienstleistungen und Marken, die in elnem Hyperraum, einer Hyperzeit und nicht mehr in einer statischen oder toten Zeitachse angeboten werden." Dies alles hat selbstverständlich Auswirkung darauf, wie sich Unternehmen gestalten oder Marken kreieren.

DIE HOLLYWOOD-CORPERATION

In der Hyperwelt mit ihrer sich in ständiger Bewegung befindenden Beschäftigten und Unternehmen, bei denen sich alle Bereiche in ständiger Veränderung und Neudefinition befinden, werden das Web, der PDA, das Satelliten-gestützte Büro und natürlich die Kennzeichen einer "Marke" zum einzig verbleibenden Fixpunkt des Kontakts.

In der Vergangenheit herrschten austauschbare Prinzipien vor, die dem Verbraucher ständig hinterherjagten. Nunmehr werden Markenzeichen, die Glaubwürdigkeit eines Produktes, die Integrität eines Namens, zu festen Werten. Firmen wandeln sich zu "Hollywood-Unternehmen". Sie werden zu Traumfabriken im wahrsten Sinne des Wortes. Vergleichbar einem Hollywood-Produzenten oder Filmregisseur entstehen in der Geschäftswelt zuerst kreative Prozesse, lose Entwicklungen von Ideen und Geschichten für innovative Produkte, für deren Umsetzung dann Teams jeweils neu zusammengestellt werden, um die rechte Geschichte zu erfinden — eine Geschichte, die an den Bedürfnissen des Marktes ausgerichtet ist, die die Wünsche der Aktionäre erfüllt und die Endkunden glücklich macht.

Und wie in Hollywood haben wir immer mehr und mehr Versuche und Experimento, mehr "off-Broadway" und alternative Bereiche, in denen Produkte vorgestellt, erprobt und die Reaktionen der Endverbraucher getestet werden können. Die Zelt der tumben Zufallsprodukte ist vorbel. Es gibt keine "Schwamm-drüber" und "man wird schon sehen"-Lösungen des Marketings mehr. Die Zeit der Marketingabteilungen, wie wir sie heute kennen, ist allemal vorbei.

In der Welt der Hollywood-Unternehmen zählt die sofortige, unmittelbare Antwort des Marktes. Selbsternannte Marketingexperten oder zeitraubende Verbraucherstudien sind nicht mehr darstellbar. Es beginnt die Ära des Spielers, des hyperaktiven, hyperrealen und hypermobilen Aktivisten. Outsourcing heißt die neue Devise, "off-site" wird das neue Zauberwort und Begriffe wie "Verbraucher orientierte Wirtschaft", "hyper-Nachfrage", "Geschichten, die zu den Lösungsvorstellungen der Menschen passen" und "Interkonnektivität von Unternehmen" sind die neuen überlebensnotwendigen Mantras der weltweiten Wap-Arbeiter.

BEGINN EINER NEUEN WELTORDNUNG?

Ja, Mobilität schafft neue, soziale Unterschiede. Auf der einen Seite stehen die globalen Sklaven: die Millionen verarmter Migranten und Flüchtlinge, die im Westen ihr Glück versuchen - sei es als illegale Prostituierte, Pflegekräfte oder Bauarbeiter.

Auf der anderen Seiten leben die Cosmokraten, deren Zahl nach Ansicht von John Micklethwait und Adrian Wooldridge bis zum Jahr 2010 auf rund 20 Millionen Menschen weltweit anwachsen wird. Etwas unterhalb der Cosmokraten finden wir die Merrill Lynch-Typen oder jene, die im Finanzwesen arbeiten, die IT-Beschäftigten, die Berater oder erfahrenen Geschäftsführer, die bestens ausgebildet sind und häufig Absolventen von Insead, Harvard, LBS oder anderer Elite Business-Schulen sind. Irgendwo in der Mitte dann finden wir den Rest:

Commuterkrats

Hier finden wir die Kerntruppe der ständig reisenden Geschäftswelt. Die Vertriebs- und Verkaufsexperton, Montagearbeiter, Trainer und Ausbilder, einfachere Berater und Personalverwalter. Commuterkrats sind die Hauptkunden konventioneller Businessanwendungen.

Der Idealtypus: der
dynamisch-agile, der
durch die Abflughallen
der Welt braust,
mit Terminen und Ge-
schäftstreffen jongliert
und mit kleinen, mobi-
len Accessoires Millio-
nenumsätze erzielt.

Dem entgegen steht die harte Wirklichkeit: ausgelaugte Arbeitstiere mit schwerem Gepäck, den falschen Netzkabel in der einen Hand und dem Chef am Mobiltelefon in der anderen Hand. All dies hat zu einem breitgefächerten Angebot von Therapieeinrichtungen in der Luft wie am Boden geführt. Es entstanden Entspannungs-Lounges, Wellness-Kliniken und Kommunikations-Inseln.

Wapperati

Auch bekannt als Carville oder Davos-Typ. Eine große und heterogene Ansammlung von Ministern, öffentlichen Bediensteten, Regierungs- und Politikberatern, Think Tank-Mitarbeitern, Journalisten und Kolumnisten, Kommentatoren und Korrespondenten, Lobbyisten, PR-Experten und ehemalige Unternehmer, die in die Politik übergewechselt sind, sowie die internationalen Apparatschiks der Vereinten Nationen, der Weltwährungsfonds und der Welthandelsorganisation (UN, IME, WTO).

Reisende Dienstleister (Third-Sector Travellers)

Dies umfasst eine Vielzahl von Unter-Typen, häufig mit Verbindungen in den Bereich von Medien und Politik. Diese reisenden Dienstleister sind Beschäftigte von NGOs (Nichtreglerungsorganisationen), Wohlfahrts- und Hilfseinrichtungen, verschiedene Wissenschaftler (in der Regel Professoren mit Lehraufträen an mehreren Hochschulen weltweit), Entwicklungshilfeexperten, Geologen und andere Vertreter der Grundlagenwissenschaften. Angehorige dieser Gruppe planen ihre Reisen pragmatisch und füllen die Billigflieger.

Transglobale Vamps

Zu dieser Gruppe gehören alle Angehörigen der Kreativ- und Modeindustrie, der Filmfirmen, Architekten, Designgurus, Musiker, Schriftsteller und Herausgeber von Musik oder trendigen Zeitschriften. Hinzu kommt der gesamte Anhang und Tross dieser Branche.

Diese internationalen Kreativen sind in der Regel die ersten Anwender neuer Technologien, selbstbewusste und anspruchsvolle Konsumenten, Menschen, die selbst bel obskursten Marken und Produkten glauben mitreden zu können und mit den abartigsten Marken, den entlegensten Orten und dubiosesten Menschen vertraut sind. Die meisten Ideen dieser Gruppe stammen aus Zeitschriften wie Wallpaper, Vogue, SleazeNation, Creative Review, Vanity Fair, Purple und ähnlichen Presseerzeugnissen.

Global Souls

Auch "Kinder der dritten Kultur" genannt. Pico Iyer definierte die "Global Souls" als jene Menschen mit einer wahrhaft globalen Identitat, dauerhafte Aliens, dauerhaft Entfremdete, die in der "Metapher einer dauerhaften internationalen Flugreise" leben. Mit der Zunahme von hypermobilen Menschen und hypermobilen Lebensformen, gelingt es "Global Souls" in vielen Kulturen zugleich zuhause zu sein. Sehr eng gewachsene, häufig aber auch willkürliche Bindungen an Menschen oder Marken ersetzen traditionelle Werte wie Nationalität, Staatsangehörigkeit oder Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft. Global Souls sind stolze Pioniere, die selbstbewusst ihren Unterschied zum Rest der Welt leben. Sie sind immens kosmopolitisch und bleiben aller Wahrscheinlichkeit nach ihr gesamtes Leben lang hypermobil.

HYPER-ECONOMICS - DIE HYPER-WIRTSCHAFT

Wie überleben wir einen Alltag in standiger Bewegung? Die ausschlaggebenden Schlüsselworte lauten anpassungsfähig, kabellos, möglichst klein und einfach zu bedienen. Hypermobile Personen verlangen nach ausdauernder, multi-funktionaler, tragberer und leichter und lebenslang haltbarer Ausrüstung. Vor allem verlangen sie nach "Konnektivität", nach ständiger Erreichbarkeit.

Allein der Gedanke,
sich nicht an das welt-
weite Netzwerk anschließen
zu können,
nicht erreichbar zu
sein, jagt dem globalen
Reisenden den Angst-
schweiß auf die Stirn.

Aber das ist die Theorie. In der Praxis sind die meisten in einem Geflecht von Konventionen, finanziellen Vorgaben ihrer Arbeitgeber und einem ständigen Mangel an Zeit gefangen.

Cosmokraten mit ihrem hohen, stets verfügbaren Einkommen, ihrem wohlüberlegten Kaufverhalten und die besser verdienenden Angestellten, sind in der Regel die ersten, die neue Notebooks, Laptops oder PDAs kaufen und ausprobieren. Neben den aufgeschlossenen und kreativen Geschäftsreisenden, ist es vor allem diese Gruppe (sowie die Unternehmen, für die sie arbeiten) die Technologien wie 3G, BlackBerry und andere neue drahtlose Anwendungen nutzen. Sie übernachten in gestylten Boutique-Hotels und surfen und klicken sich durch das breite globale Medienangebot.

Betrachtet man jedoch eine realistischere und grundlegendere Ebene, wie dies auch Pico Iyer in seinem Buch "The Global Soul" betont (einem der wenigen Titel, der dieses Phänomen wirklich beschreibt), dreht sich das Leben dieser Gruppe auch um CNN, weltweit passende Steckdosenadapter, Vielfliegerkarten, universell gültige PIN-Nummern und um Marmor glänzende Einkaufspassagen mit ihren austauschbaren GucciPradaDolce&Gabanna-trifft-RalphLauren-und-Valentino Geschäften. Alle diese Dinge vermitteln so etwas wie Geborgenheit und Sicherheit für den weltweit Reisenden unserer Zeit.

Einen Punkt gestehen wir uns in Sachen Globallsierung jedoch nur selten ein: in einer Welt hyper-schneller, hyper-austauschbarer und hyper-neurotischer Abläufe, tut Vertrautes gut und verschafft Sicherheit. Welch Glücksgefühl durchströmt uns in einem fremden Land, umgeben von fremden Menschen mit einer noch nie gehörten Sprache, wenn wir mit unserer Kreditkarte Geld in örtlicher Währung aus dem Automaten holen können und dabei unsere PIN-Nummer, die wir zuhause von der Bank um die Ecke bekommen haben, funktioniert. "Ich könnte in Toronto, in Wellington, in Sydney odor sonst wo sein", schwärmen wir, "ich könnte dort überall zuhause sein."

MOBILITÄT SCHMERZT

Hypermobiler Lebensstil bedeutet Stress. Der Arbeitsrhythmus mobiler Menschen ist meist äußerst intensiv: wir pendeln und sind von 4 Uhr morgens bis 23 Uhr abends unterwegs und dies, in der Regel an fünf Tagen die Woche. Frele Tage dagegen sind die Ausnahme. Jene Technik, die es uns erlaubt, überall auf der Welt zu arbeiten, ermöglicht es aber auch unseren Vorgesetzten, uns immer und überall zu erreichen, selbst im abgelegensten Winkel und in der Freizeit. Workaholics und arbeitseifrige Kollegen erhöhen dabei den Druck noch.

Während zahlreiche Arbeitnehmer durchaus bereit sind, immer und ständig zu arbeiten, erreichbar und einsetzbar zu sein, verfügen nur wenige Unternehmen über wirklich funktionale Unterstützungssysteme, um ein solches Arbeitsleben erträglich zu machen. Unsere Emails am Arbeitsplatz werden kontrolliert und wir werden für deren Inhalte sogar noch verantwortlich gemacht. Zugleich sind wir für unsere Arbeitgeber 24 Stunden am Tag sieben Tage die Woche erreichbar — auch zuhause. Nur wenige von uns stören sich an diesem Zustand oder würden die Ursache dafür bei ihren Arbeitgebern suchen. Wir sind eben alle vernetzt und ständig online!
Der schlimmste Aspekt dieser Entwicklung: der Raum und die Zeit für Partner und Familie wird immer kleiner. Einige werden sogar die Saisonarbeit in einer abgeschiedenen Mine in der Arktis als eine ideale Form der Trennung von Arbeit und Familie betrachten. Andere stellen fest, dass ihre Familien und ihre Freunde immer mehr in den Hintergrund geraten.

In Hongkong bezeichnen sich die Frauen ständig reisender Geschäftsleute, die dort als "Astronauten" bekannt sind, etwas sarkastisch als "Witwen". Andere sehen sich als digitale Partner, virtuelle Liebhaber oder sind einfach "die Vergessenen". Einige Unternehmen scheinen nun auf den wachsenden Stress, der durch die dauernde Trennung von Privatleben und Arbeitsleben bei ihren viel-reisenden Beschäftigten entsteht, zu reagieren. Es werden verkürzte Arbeitswochen eingeführt. Von Montag bis Donnerstag finden hier kürzere Dienstreisen statt, die es den Mitarbeitern ermöglichen, von Freitag bis Sonntag ihre Familien zu sehen. Einige streichen sogar Dienstreisen an Wochenenden komplett, während andere Firmen sogenannte "Arbeitsjahre" einführen: 200 Hundert-Tage-Reisen in denen Zeit für die Familie von vornherein mit eingeplant ist und Familien-Sabbaticals (Auszeit für die Familie), die sicherstellen sollen, dass wieder mehr Zeit mit den Angehörigen zuhause verbracht wird. Ohne viel Freizeit und freie Tage erhalten Mobiltelefone und andere tragbare Geräte einen ganz neuen Charakter. In einer zugespitzt gezeichneten Karrikatur im New Yorker, versichert ein Vater auf Geschäftsreise seinem Sohn:

Mein Lieber, Du weißt,
dass ich immer für dich
erreichbar und da bin
unter www.dad com...

RATSCHLÄGE FÜR DIE ANGEPASSTEN

Selbstverständlich kann sich Mobilität auch als die falsche Lebensform herausstellen. Vielfliegern mag die traditionelle Wahrnehmung der Bedeutung sozialer Bindungen und Verpflichtungen abhanden kommen. Fast wie bei den Stämmen von Bruce Chatwin entwickeln sich Leit- und Lebenslinien für diese "Nomaden der Neuzeit" aus dem Netzwerk vorhandener Flugverbindungen, den Metropolen dieser Welt, Flughafenhotels und multinationalen Unternehmen. Unter dieser Voraussetzung wird Mobilität stark von der Geographie geprägt. Das mobile Leben steht in Konkurrenz zu den Angeboten hipper Orte wie Boulder, Austin, Seattle und Hoxditch im Osten von London — alles Hotspots in der Weltkarte neuer Talente und aufsteigender Kreativer. Für Andere, etwa für Jene, die Mitglied der italienischen "Slow City"-Initiative sind, sind ein Ort, ein Platz, eine Lokalität, der Brennpunkt kulturellen Widerstands. Ein entspanntes Leben steht im Gegensatz zu einer pausenlosen globalen Integration.

Das Reisen wird schneller. Neue Entwicklungen im Bereich von Überschall- und Suborbit-Flügen und U-Bahnen, die durch Vakuumröhren rasen, werden das Reisen noch einfacher machen. Reisen wird dabei auch schöner, so dass viele Fluglinien, Transportunternehmen und Reisefirmen ihre hypermobile Kundschaft nach allen Regeln der Kunst verwöhnen und betreuen möchten. Do so entstehende Flexibilität macht es einfacher, Arbeiten, Freizeit, Reisen und Familie unter einen Hut zu bekommen.

Große Flughäfen entwickeln sich zu eigenen Städten. In Heathrow sind alleine 82.000 Menschen beschäftigt. Die Flughafenbetreiber verdienen mehr an den Geschäften und Läden in den Terminals. als am Verkauf von Start- und Landerechten. Die Metropolen wachsen zu größeren Einheiten zusammen - wie etwa "NYLON"; eine einzige Stadt oder Gemeinschaft, die ungeschickter Weise nur vom Atlantik getrennt wird. Die Banker, Designer und Architekten, Modepäpste sowie das Konglomerat aus Politik und Medien sind jedoch zwischen Manhattan und der Londoner City quasi austauschbar.

FÜR DIE MEHRHEIT NICHT DIE MINDERHEIT

Flugreisen in der westlichen Welt finden zwischen wenigen großen Flughafen statt. Dies führt zu regelrechten Staus und Warteschleifen während viele kleine Flughäfen und Landebahnen ungenutzt bleiben. Der sprunghafte Anstieg des Reiseverkehrs verlangt daher nach einer besseren Lösung und die heißt: Demokratisierung und Privatisierung des Reisens. Flüge müssen Punkt-zu-Punkt von einem kleinen Flughafen zu einem anderen kleinen Flughafon angeboten und mit kleinen Lufttaxis, Familienflugzeugen oder privaten Jets durchgeführt werden. Allerdings wären die Verwaltung und Einhaltung der Sicherheitsrichtlinien bei einem solchen System äußerst komplex. Aber wenn ein geeignetes Verfahren gefunden wäre, so könnten durch Punkt-zu-Punkt-Reiseverbindungen ungeahnte Folgewirkungen entstehen. Unsere großen Städte, de wir heute noch kennen, würden zu Geisterstädten verkommen. Fin Flugzeug zu nehmen wäre dann so normal und gewöhnlich, wie der Einstieg in ein Taxi oder einen Bus. Wir wären alle ein Volk von Vielfliegern.

Doch Distanz und Entfer-
nung sind eben noch
nicht tot - noch nicht!

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